Von Olaf Baale

Niemand weiß, was den Mecklenburger Herzog Friedrich vor beinahe 250 Jahren bewogen hat, seine Residenz in den Wald zu verlegen. Ein winziges Dorf, ausgedehnte Buchen- und Eichenwälder, der Wildreichtum konnten die Errichtung der Residenz vierzig Kilometer vom Verwaltungszentrum Schwerin entfernt kaum rechtfertigen. Wohl auch nicht das Jagdschloß von Prinz Christian Ludwig, von dem sich der Name Ludwigslust für die nach dem Schloßbau entstandene Stadt ableitet. Womöglich wollte sich Friedrich der Fromme den lästigen Einflüssen des Bürgertums entziehen und in der ländlichen Abgeschiedenheit seine Vorstellungen von Etikette und höfischer Lebensart verwirklichen.

Der eigenwillige Herrscher plante den Bau des Schlosses auf der „grünen Wiese“, er trieb die Entwicklung der Stadt Ludwigslust voran, ließ wegen des Mangels an fließendem Wasser zwischen den Flüssen Stör und Rögnitz einen 28 Kilometer langen Kanal graben und Vorbereitungen treffen für die Gestaltung eines weitläufigen Parks.

Die Arbeiten am Kanal wurden 1760 abgeschlossen, 1764 entstanden erste Gebäude für Bedienstete und ab 1765 die evangelische Hofkirche, ein ungewöhnliches Gebäude mit einem gewaltigen Säulenvorbau. Erst aus der Nähe wird der schlimme bauliche Zustand offenbar, an großen Flächen hat sich der Kalkputz von den Ziegelsteinen gelöst, und so wirkt das Gotteshaus auf eine anrührende Art nackt und schutzlos.

Etwa 400 Meter von der Kirche entfernt steht das Barockschloß. Man kann sich von der Kirche aus auf geradem Wege dem Schloß nähern, dessen Park, einer der größten in Norddeutschland, sich über eine Fläche von 123 Hektar erstreckt. Neben einer Vielzahl seltener Bäume und Pflanzen stößt der Besucher immer wieder auf interessante Bauwerke, so etwa auf eine künstlich angelegte Ruine, Mode zur damaligen Zeit. Beim ziellosen Herumwandern tun sich immer wieder überraschende Ausblicke auf, entstanden aus dem ungestümen Wachstum der Natur und der ordnenden Hand des Gärtners.

Der Schloßpark, der Vorplatz mit den Brücken und den Wasserspielen, die gesamte Gestaltung der Umgegend dienten letztlich nur dem Zweck, das Schloß selbst in Szene zu setzen. Der Backsteinbau ist mit Sandsteinplatten verkleidet und mit barocken und klassizistischen Stilelementen reich verziert. Vierzig überlebensgroße, in Sandstein gemeißelte Figuren auf dem Gesims des Schlosses ragen hoch über die Dachkonstruktion hinaus, es sind die Allegorien der Wissenschaften, Künste und Tugenden.

Führungen durch die sehenswerten Räume des Schlosses finden außer am Montag die ganze Woche über statt. Spuren vom einstigen Glanz finden sich noch im Goldenen Saal und in den herzoglichen Wohnräumen. Das besondere Stilelement des Schlosses ist das in einer Ludwigsluster Manufaktur hergestellte Pappmaché, das kunstvoll gestaltet und dann bemalt oder vergoldet wurde. Dieses widerstandsfähige und sogar gegen Witterungseinflüsse unempfindliche Material wurde von Ludwigslust bis nach Paris und Leningrad geliefert und findet sich auch in anderen Schlössern Mecklenburgs. Die Zusammensetzung – die Rezeptur ist verlorengegangen – konnte bis zum heutigen Tag nicht enträtselt werden.