Von Wolfgang Köhler

Die erste Reaktion ist ungläubiges Kopfschütteln. Sergej Akulinin, einer der 4500 Beschäftigten des Kernkraftwerks Tschernobyl, hatte einem Reporter gegenüber erklärt: „Warum sollte Tschernobyl geschlossen werden? Es ist ein Kraftwerk wie jedes andere auch.“ Täglich fährt Akulinin durch die menschenentleerte, radioaktiv verseuchte 30-Kilometer-Sicherheitszone um den Unglücksreaktor, täglich sieht er den unter einem gigantischen Betonsarkophag „beerdigten“ Block vier. Und trotzdem will der Tschernobyl-Werker von den Risiken eines weiteren schrecklichen Unglücks in „seinem“ Reaktor nichts wissen. Warum?

Risiken sind allgegenwärtig. Chemische Fabriken, die Gentechnik, der Verlust des Arbeitsplatzes, Holzschutzmittel, aber auch das Rauchen, der Individualverkehr, sogar Hühnereier, sie könnten Salmonellen enthalten – all das wird als Risiko wahrgenommen. Doch wie die Risiken bewertet werden, ist ganz unterschiedlich.

Warum ist das so? Was hat das für Folgen? Experten für solche Probleme sind Versicherungen, weil Risiken den Rohstoff für ihre Produkte darstellen. Eine von ihnen hat das Thema nun von achtzehn Autoren unterschiedlicher Disziplinen aufbereiten lassen:

Ereignisse wie Tschernobyl, die Tankerkatastrophe der Exxon Valdez und der Brand im Werk Schweizerhalle von Sandoz, erklärt Wulf Walter, Bereichsleiter Marketing-Services der Bayerischen Rück, das Interesse seines Unternehmens an diesem Thema, „haben einen Wandel in der Wahrnehmung der gesellschaftlichen Risikosituation vorbereitet“. Für die Versicherungswirtschaft sei dabei der Gedanke ganz ungewohnt, „daß sie an dieser Risikozufuhr erheblichen Anteil hat und von den unausbleiblichen Folgen dieser Risikozufuhr selbstverständlich nicht unberührt bleibt“.

Hermann Lübbe, Professor für Philosophie und politische Theorie an der Universität Zürich, zerstreut in seinem Beitrag zunächst den Eindruck, wir lebten heute riskanter als unsere Vorfahren. Unterstelle man, daß die durchschnittliche Lebenserwartung Neugeborener ein Indikator für gewährleistete Lebenssicherheit wäre, so lebte unzweifelhaft die Bevölkerung moderner Industriegesellschaften sicherer, als jemals Menschen zuvor gelebt haben. Trotzdem fühlen wir uns von Risiken stärker bedroht als unsere Vorfahren. Die Ursache für das subjektive Unsicherheitsgefühl sieht Lübbe darin, daß „mit der Zunahme des relativen Anteils derjenigen Lebensvoraussetzungen, die zugleich unsere eigenen Hervorbringungen sind“, unsere Risikoerfahrung sich intensiviere, „und damit sinkt zugleich die Bereitschaft zur klaglosen Hinnahme von Lebensrisiken“.

Beeindruckend wirke – neben der gesteigerten Aufmerksamkeit der Medien für spektakuläre Ereignisse – auch die Erkenntnis, daß die soziale und naturale Reichweite der Techniknutzung immer größer wird. Die Giftkatastrophe im indischen Bhopal, bei der 2000 Menschen ums Leben kamen, ist dafür ein abschreckendes Beispiel.