In der vergangenen Woche wurde wieder einmal das Pulver erfunden. Die „Tagesthemen“ verbreiteten einen Beitrag des Journalisten Gwynne Roberts, dem zufolge Russen auf dem Schwarzmarkt eine Substanz anbieten, mit der sich Atombomben im Format einer Kaffeetasse basteln lassen. „Red Mercury“ heißt das Pulver, also „rotes Quecksilber“. Roberts identifizierte es als Verbindung aus Quecksilber, Antimon und Sauerstoff, deren Explosion geeignet sei, kleine Plutoniumkugeln mit einer Wucht zusammenzudrücken, daß sie die kritische Masse erreichten.

Die Story geistert seit fünfzehn Jahren durch die Medien. Sie ist schon deswegen spinnert, weil sich aus den beteiligten Elementen bei aller Anstrengung kein Sprengstoff synthetisieren läßt. Außerdem hilft kein alchemistischer Trick über die eigentliche Schwierigkeit hinweg, die sich vor jedem Konstrukteur einer Mini-Atombombe aus Plutonium auftürmt: Er muß die Druckwelle, die den Nuklearsprengstoff komprimieren soll, exakt steuern, und dazu braucht er neben ausgeklügelter Elektronik viel experimentelle Erfahrung.

„Davy Crockett“, eine US-Atombombe aus den fünfziger Jahren, hatte die Größe eines Footballs. Es ist denkbar, daß es heute kleinere Bomben gibt, auch im Osten. Nach einem aus Uno-Kreisen stammenden Gerücht trugen Komponenten solcher Miniwaffen dort den Tarnnamen „Rotes Quecksilber“ – sie dürften aus allem Möglichen bestanden haben, nur nicht aus Quecksilber.

Die Saddams oder Karadžićs dieser Welt könnten vielleicht an derartige Technik gelangen, aber wohl kaum via Schwarzmarkt. Sie wird nach Ansicht besorgter Experten direkt im Auftrag gestohlen. Freilich nicht, um sie Journalisten anzubieten. Für die reicht ein bißchen rotes Pulver.

GvR