Eine schiefe Ebene, zum schwankenden Präsentierteller hochgestemmt, hängt im schwarzen Nichts und verbirgt unter sich ein Kammerorchester wie in einer mystischen Grotte. Oben auf der Schräge schläft die „süße, reine Braut“, hell gewandet, die Schuhe abgestreift, ein blendend weißes Kissen in ihrer Nähe. Ein kratzendes Streicherflageolett läßt Elsa aus wirren Träumen auffahren, sie japst wie ein Hund, keucht Wortfetzen, lacht verstört oder imitiert die Vögel der Nacht. Einer von ihnen mag der Schwan sein, dessen Schwingen einst Reinheit und Verführung verkündeten. Doch der Schwanenritter, an den sie ihr mädchenhaft-träumerisches Verlangen heftete, wußte mit ihrer erblühenden Weiblichkeit nichts anzufangen. In der Katastrophe der Hochzeitsnacht erwies sich Lohengrin als trübe Mischung aus Gralsbündler und Pantoffelheld. So endete das Gefieder des Schwanes im Daunenkissen...

Fiebrige Erinnerungen und Visionen einer Schizophrenen verschränken sich in Salvatore Sciarrinos Kammeroper „Lohengrin“, die zehn Jahre nach der Mailänder Uraufführung im Forum der Bonner Bundeskunsthalle ihre deutsche Premiere erlebte. Verstummt sind Schwertgeklirr, Hochzeitsmärsche und Staatsaktionen des großen Vorbilds. Die kalt und karg beleuchtete Szene beherrscht einzig Wagners Damenopfer Elsa, in deren aufgeklappte Psyche sich die leisen, scharf verhuschten Tonsplitter der Instrumente wie in freiliegende Nervenenden bohren. Die Anregung zu seinem dreiviertelstündigen inneren Monolog holte sich der 46jährige Sizilianer Sciarrino aus den „Moralité légendaires“ (1887) des frühverstorbenen Jules Laforgue, der am Vorabend der wissenschaftlichen Psychoanalyse Traumdeutung und Realitätsverlust noch in expressionistischer Gestik aufhob. Doch Sciarrino entzaubert Laforgue, reduziert, dünnt aus. So schimmern auch die musikalischen Vorbilder – Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“ oder sein „Pierrot lunaire“ – nurmehr als ferne Erinnerung durch die entstofflichte Partitur dieses Anti-„Lohengrin“.

Ähnlich konsequent verbannt der britische Regisseur Brian Michaels in Bonn die verbliebenen Reste einer poetischen Szenerie mit Mondschein, Meeresufer und Hochzeitsvilla oder Sciarrinos etwas billige Schlußpointe, die Elsa („Das Kabinett des Dr. Caligari“ läßt grüßen) als Insassin einer Heilanstalt zeigt. Gemäß dem Untertitel Sciarrinos – „unsichtbare Handlung für Stimme, Instrumente und Chor“ – wird die szenische Aktion auf ein Minimum an Gesten und Lichtwechseln zurückgeschraubt zur theatralischen arte povera, deren Strenge dem kulinarischen Staatstheater den Spiegel vorhält.

Daß eine solche Aufführung, an der die finnische Sopranistin Raili Viljakainen und die Dirigentin Carmen Maria Carneci entscheidenden Anteil hatten, heute überhaupt noch möglich ist, verdankt Bonn einer neuen Kooperation zwischen der Oper, der European Mozart Foundation und der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland an der Friedrich-Ebert-Allee. Geistiger Ziehvater des „Neuen Theaters für Musik“ ist Klaus-Peter Kehr, einst Dramaturg in Stuttgart, Mitarbeiter von Achim Freyers Philip-Glass-Inszenierungen und einer der profiliertesten Streiter fürs Neue Musiktheater. Trotz der selbstverschuldeten Finanzmisere, welche die Bonner Oper und ihren Intendanten Gian-Carlo del Monaco um die Jahreswende ins Gerede brachte, will Kehr auch in Bonn seine Vision von einer Aufsprengung des konventionellen Musiktheaters über den Katalysator bildende Kunst verwirklichen.

Die Leitung der Bundeskunsthalle besaß für solche Anliegen nicht nur ein offenes Ohr, sondern mit dem „Forum“ auch einen geeigneten Saal – ein hohes, postmodern geschnittenes Geviert mit Säulenhof und Kachel-Look, das über eine mächtige Bühne, eine transparente Akustik und ein Minimum an guter Technik verfügt. Zweimal pro Saison soll sich dieses Forum in Zukunft dem experimentellen Musiktheater öffnen (den Anfang machte im Juni eine etwas mißglückte Realisierung von Lou Harrisons Kammeroper „Rapunzel“). Während die Bonner Oper dabei Regieteam, Ausstattung, Orchester und technisches Know-how einbringt, finanziert die neugegründete und hochsubventionierte European Mozart Foundation ausgewählte Nachwuchssänger und Kompositionsaufträge für zehn (!) neue Kammeropern, die von 1994 an in Bonn herauskommen sollen.

Auf Sciarrinos „Lohengrin“ werden in der kommenden Saison Achim Freyers „Theater der Bilder“ und ein Projekt von Steve Reich folgen. An Stoff zum Nachdenken und Umbewerten wird es folglich nicht mangeln – vorausgesetzt, die städtischen Finanzplaner lassen nicht auch dieses zarte Pflänzchen Neuen Musiktheaters verdorren. Michael Struck-Schloen