Von Andreas Isenschmid

Klein, kleiner, am kleinsten, Peter Bichsei. „Es kann genügen, wenn mir eine Idee (Geschichte) einen einzigen Satz liefert“, schrieb 1968 der Schweizer, den die Kritik seit seinem Erstling „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“ aus dem Jahr 1964 etwas stereotyp als den Meister der kleinen Form rühmt. Und gab damit zu erkennen, daß sein Ehrgeiz eigentlich noch weniger weit geht.

Ein Vierteljahrhundert später ist der 58jährige „Wenigschreiber“, wie sich Bichsel auch nennt, seinem Ziel recht nahe. In seinem neuesten Buch findet sich die kürzeste Geschichte, die er bisher veröffentlicht hat. Sie ist etwa so lang wie der Titel seines Erstlings – grad noch zwei Zeilen und ein Wort. Sie fügt sich würdig in die Reihe literarischer Miniaturisierungen, mit denen die Schweizer Literatur von Walsers Mikrogrammen bis zu Pingets kommafreien Kürzestsätzen Kafkas Wort von den „kleinen Literaturen“ wortwörtlich zu nehmen scheint. Und sie war Bichsel so wichtig, daß er sie, programmatisch, wie man annehmen darf, gleich zweimal ins Buch rückte – kleingedruckt als Motto, normalgedruckt als Titelgeschichte.

Die Geschichte geht so: „In Langnau im Emmental gab es ein Waisenhaus. Das hieß Zur Stadt Paris. Ob das eine Geschichte ist?“

Jedenfalls ein feines Beispiel für Bichsels Ästhetik der hochwirksamen Tiefdosierung. Wer versucht, die paar Wörtchen loszuwerden, dem ergeht es wie dem Mann, der in den Leimtopf gefaßt hat und sich nun mit jedem Säuberungsversuch nur immer mehr bekleckert. Während man noch die Schultern zuckt und weiterblätternd „erschlichener Tiefsinn“ murmelt, blättert man auch schon zurück. Wie war der Titel? Aha. Der Band heißt „Zur Stadt Paris“, aber die Geschichte über die Stadt Paris heißt „Sehnsucht“ und hat sich in der Zeit, die wir uns nehmen, um ihr abzustreiten, daß sie eine sei, in unserem Kopf schon zu einer entfaltet. Im Nu, fast gegen unseren Willen setzt dieses Kurzprodukt seine Langzeitwirkung frei. Wie ein Mikrokatalysator animiert es das ausgreifende Spiel unserer Phantasie und unseres Sinnes für das Mögliche und das Gewesene. Jeder ergänzt die Knöchelchen, die Bichsel hinterlassen hat – Sehnsucht, Emmental, Paris, Geschichte, ob – auf andere Weise zu dem Fabeltier, das sie gewesen sein mögen.

Nicht alle seine Geschichten hat Bichsel so leergeräumt wie diese Bonsai-Geschichte, der er nicht mal mehr einen Helden lassen möchte, nur um den Leser um so gewisser dazu zu machen. Dreißig der achtundvierzig bleiben aber doch unter einer Seite, andere wachsen auf drei, vier und eine, als „Nachwort“ getarnt, gar auf fünfzehn Seiten. Sie handeln von allem möglichen, von Witwen und Trinkern, von Liebenden und Träumenden, von Toten, Transsexuellen und Sterbenden. Doch so verschieden sie sind, verbindet die meisten zugleich, weit mehr als die Geschichten im „Milchmann“, eine merkwürdige Familienähnlichkeit.

Wie läßt sie sich bestimmen? Liegt sie in der melancholischen Stimmung all dieser Seiten? Auch. Und gewiß gilt für sie ganz besonders Bichseis Satz aus den Frankfurter Poetik-Vorlesungen: „Wer keine Neigung zur Traurigkeit hat, der ist für die Literatur verloren.“ Doch geht die Familienähnlichkeit über die Stimmung hinaus. Sie reicht ins Formale. Auch die längeren dieser Geschichten unterscheiden sich von denen im „Milchmann“ dadurch, daß sie von einer eigentümlich zielgerichteten Verknappung angesteckt sind. Jene hatten einen Erzähler, der sich bewegte wie der Springer im Schach – reduziert, aber überraschend. Diese haben einen Erzähler, der sich bewegt wie der Bauer – knapp, in kleinsten Schritten, zumal aber: hartnäckig in die gleiche Richtung. Welche ist es?