HALLE. – Der Regen hat etwas nachgelassen, als zwei Männer nahen und ein wuchtiges Bund gelber Chrysanthemen in das Büro der Turnierleitung schleppen. Wer ist der Absender, was wollen die Blumen sagen? Fragen, die man sich stellen kann oder auch nicht. Eigentlich ist es in Halle in diesen Davis-Cup-Tagen keine Frage, wem alle Blumen gebühren: „Sind sicher für Gerry“, sagt ein Mann vom Wachdienst, der kurz den Weg frei gemacht hat und nun seinen Körper wieder in die Tür zum VIP-Bereich stellt. Blumen für Gerry, wer aber ist Gerry?

Gerhard („Gerry“) Weber aus Halle in Westfalen. Sein Feld ist die Damenoberbekleidung. Rund 650 Mitarbeiter, ein Umsatz von 291 Millionen Mark im letzten Jahr oder, anders ausgedrückt, rund vier Millionen verkaufte Röcke und Hosen. Doch dies ist nur das eine. Mindestens ebenso intensiv ist der 52 Jahre alte Modezar dem Tennis verbunden. Eine Beziehung, die Weber anfangs eher scheu gestaltete. Wollte er spielen, dann wich er zumeist auf gemietete Plätze ins nahe Gütersloh aus.

Vorbei diese Zeiten. In enger Anlehnung an sein Credo „Asche ist ordinär“ entschloß sich Weber, seine Lust am Tennis konsequent auszuleben und damit auch seine Röcke und Hosen ein wenig bekannter zu machen. Insgesamt siebzig Millionen Mark waren dafür nötig, und nach einer Schaffenszeit von zwei Jahren hatte das Gewerbegebiet Halle-West ein neues Gepräge. Tennisplätze, verschwenderisch über das Gelände verteilt, und in der Mitte, als innerer Tempelbezirk, ein Centre Court, wie Weber ihn gern hat. Sehr groß und sehr grün.

Alles wirkt wohl abgestimmt. Trotz des in diesem Zusammenhang eher störenden Teutoburger Waldes im Hintergrund atmet die Anlage ein Ambiente von Tweed und brüchigem Leder. Der Beton der Tribünen zum Beispiel korrespondiert in seinem dezenten Grün auf harmonische Weise mit dem frischen, satten Grün des Spielfeldes. Aus der Umgebung von Schöpfer Weber heißt es dazu ergänzend, eine solche Anmutung von Frische und Sattheit sei keine Frage von Zufall. In Wimbledon wache ein greenkeeper namens Jim Thorn über eine obere Grashalmhöhe von 4,7625 Millimetern. Insofern sei es ein glücklicher Umstand gewesen, daß Thorn noch über freie Kapazitäten verfügte und bereit war, sich vertraglich auch an den Rasen von Halle zu binden.

Aber es ist nicht nur dieser Chefgärtner Jim Thorn. Ganz Halle mit seinen 20 000 Einwohnern wirkt wie ein einziger glücklicher Umstand und zugleich wie ein Beweis dafür, daß alles möglich ist, wenn ein Mann nur wirklich will. Ostwestfalen, eine in der Vergangenheit mit internationaler Aufmerksamkeit nicht gerade überschüttete Landschaft, kommt plötzlich aus den Schlagzeilen nicht mehr heraus. Mitte Juni, Gewerbegebiet Halle-West, Centre Court: die „Gerry-Weber-Open“, die ersten von allen, dotiert mit 375 000 Dollar, so daß sich selbst im fernen Las Vegas jemand wie Andre Agassi veranlaßt sieht, in sein Flugzeug zu steigen, um in Halle vorbeizuschauen.

Und die Stadt kommt nicht zur Ruhe. Als der Deutsche Tennisbund vor rund zwei Monaten für das Viertelfinale des Davis-Cups einen Austragungsort suchte, hebt Gerhard Weber die Finger und plädiert für seinen Rasen in Halle. Der Kandidat bekommt den Zuschlag, was auch damit zu tun hat, daß dieser erneut unwestfälische Ausschüttung von Barmitteln verspricht. Weber will nicht nur seinen grünen Centre Court gratis zur Verfügung stellen. Er erklärt sich auch bereit, fünfzig seiner 86 Logen selber anzumieten und dem Tennisbund dafür auch noch 700 000 Mark zu überweisen.

Das Tennisbund-Präsidium zeigt sich beeindruckt, die deutschen Tennisspieler sind beeindruckt, und an einer Tankstelle der B 68, Ortsausfahrt Halle, möchte der Mann an der Kasse vor „Gerry“ am liebsten den Hut ziehen. Durch die Stadt, im Schnittpunkt von Werther, Steinhagen und Harsewinkel gelegen, ist ein Ruck gegangen. „Gut, daß uns keiner kennt“, das Motto vergangener Tage hat viel von seiner Gültigkeit eingebüßt.