Von Esther Knorr-Anders

Um den Preis eines Männerhauptes tanzte Salome den Tanz aller Tänze und soll sich dabei von sieben Schleiern befreit haben. Sieben, wohlgemerkt! Das ist kaum zu glauben. Wer jemals versucht hat, auch nur einen einzigen Schleier „in schwingender Bewegung über dem Kopf schweben zu lassen“, weiß dies. Die halbrund oder langgeschnittenen Gebilde entwickeln Eigendynamik. Flattert das Ding endlich sekundenlang über dem Haar, senkt es sich ziemlich plötzlich über Augen und Nase. Man sieht nichts mehr. Diese Erfahrung machen auch die Elevinnen von Beates „Studio für orientalischen Tanz“.

Viele Schulen (die Bezeichnung „Bauchtanz“ im Studionamen ist verpönt) eröffneten in den achtziger Jahren in Europa, auch Deutschland wurde vom Bauchmuskelbeben heimgesucht. „Mach deinen Mann zum Sultan“, lautete zunächst das Schlagwort amerikanischer Frauen, die in stiller Abendstunde den Gatten in Pumphosen und Pailletten-BH umtänzelten.

Eine ziemlich radikale Entwicklung, denn ursprünglich war der Bauchtanz, mit und ohne Schleier, ein reiner Kulttanz gewesen. Als raqs sharki, „Tanz der Freude“, wurde er im alten Ägypten von alt und jung, von arm und reich bei Familienfestlichkeiten getanzt oder auch als Beschwörungsritual bei Geburten. Selbst werdende Mütter tanzten ihn, als Frühform der Schwangerschaftsgymnastik gewissermaßen. Allerdings war er auch damals schon ein Verführungstanz. In den Harems hofften Orientalinnen wie Odalisken die Aufmerksamkeit des Sultans wenigstens für eine Nacht zu erregen, was ihren sozialen Status erhöhte. Vorchristlichen Mythen folgend, war die erste Schleiertänzerin die babylonische Liebesgötting Ischtar. Um ihren Gatten aus den Fängen unterweltlicher Mächte zu lösen, legte die Tanzende an den sieben Toren zum Totenreich jeweils einen Schleier ab. Von ihrer Schönheit überwältigt, gab man den Gatten frei.

Beates Schülerinnen legen vorerst keine Schleier, sondern die Schuhe ab; die Tanzfläche darf nur mit Pantoletten oder barfuß betreten werden. Im Handumdrehen schlüpfen die Frauen in Pumphosen, manche bevorzugen durchsichtige Fransenröcke; phantasievolle Oberteile umhüllen den Busen. Der Glitzergürtel, unter dem Bauchnabel getragen, darf nicht fehlen. Der Rest ist Selbstsuggestion: „Tausend und mehr Träume“, Scheherazade schleicht sich in die Gemüter. Fernöstliche Musik schrillt, klappert, rasselt. Ein trommelfellzerfetzender Radau für den unbeteiligten Zuhörer, für die Tanzenden ein Aufputschmittel. Die Augen gehen einem über. Was an einem Frauenkörper wogen und wackeln kann, ist in Bewegung geraten. Magere Frauen sind bei diesem Tanz von Natur her benachteiligt.

Ist der Tanz überhaupt erotisch? Reizen den einen „Zittershimmy“ und „Kamelgang“ zum Lachen, fühlt der andere ein stimulierendes Kribbeln. Was aber fühlen die Tänzerinnen? Was trieb sie in den Kurs? Von Beruf sind sie Beamtinnen, Pädagoginnen, Büroangestellte und Hausfrauen. Die Beamtin erklärt, sie habe mit Statistiken zu tun, und nimmt an, daß diese Erklärung genüge. Abends fallen die Zahlenkolonnen aus dem Gedächtnis, sie zieht sich um, legt den magischen Gürtel an, eine Musik auf und läßt das Becken kreisen.

Ähnlich verfahren auch die übrigen Frauen. Die Ausnahme bildet lediglich die Hausfrau. Sie tanzt frühmorgens, wenn Ehemann und Kinder die Wohnung verlassen haben. Manche zeigen das Gelernte bei Feiern im internen Kreis; einzelne treten sogar öffentlich auf. Wer es sich leisten kann, nimmt vielleicht an einer „Frauentanz-Reise“ in den Orient teil.