Von Michael Skasa

Schiere Familiennamen können wie Stempelmarken sein – plopp, da stehn sie auf dem Buchumschlag und etikettieren eine ganze Epoche oder einen Grundcharakter: Faust, Nana, Winnetou, Stiller. In „Babbitt“, Sinclair Lewis’ Roman von 1920, sah sich die halbe Nation in ihrer ganzen Trübseligkeit bloßgestellt. Dieser Prototyp eines Mittelständlers in einer Mittelstadt irgendwo im mittleren Amerika, Grundstücksmakler und Besitzer einer gesunden Familie sowie etlicher Clubmitgliedschaften, dem die Welt zerbröckelte, als ein Freund dessen durchgeknallte Ehefrau erschießen wollte, und der nun zu saufen, die Frau zu betrügen, den Beruf zu vernachlässigen anfängt (bis er zurückfindet in die Hürde des Biederbürgers), dieser Babbitt war das Spiegelbild des All-American Guy zwischen den Kriegen, fortschrittsgläubig und spießerdumpf.

Der Babbitt der neunziger heißt Jernigan. Er ist auf der Höhe unsrer Zeit und also in ihren Untiefen. Auch er ist Makler, keiner weiß, warum („Mach’s einfach mal ein Jahr lang“, hatte sein Freund vor zehn Jahren gesagt); auch er hat eine Familie, nicht direkt gesund allerdings: Die Frau Judith trinkt entschieden zu oft und zuviel, Sohn Danny, sechzehnjährig, dröhnt sich gern mit Gras und Hard Rock zu und lebt lieber bei seiner Junkiefreundin, der 13jährigen Clarissa, und ihrer Mutter Martha. Häuschen mit Garten haben alle hier, nahe bei New York und Newark, in den Vorstädten, wo alles so übersichtlich ist. „Es gab ein McDonald’s in der Hamilton Road, irgendwo da draußen, noch nach dem Einkaufs-Zentrum. Und an der Landstraße 17 gab’s auch eins. Das hier ist eine Zwei-McDonald’s-Stadt, Kumpel.“

Alles da zum Sichwohlfühlen, so viel ist klar. Jernigans Freund hat obendrein einen Wohnwagen droben in Vermont, der stand da im Schnee herum, und Vater hatte ein Häuschen gekauft in Woodstock, aber das hieß nur Woodstock und war „einfach eines der vielen hübschen Städtchen in Neuengland, die niemandem einen guten Grund gaben, ausgerechnet dort zu leben“.

Einmal gaben die Jernigans eine Gartenparty, da war Judith, vollgesoffen und nackt, erst in den Swimmingpool, dann („die Augen voller Haß“) ins Auto gesprungen und draußen sofort überrollt worden. Während die Leute noch gafften und schnatterten, „sah ich, daß ihre nassen Fußspuren da unten langsam verblaßten“. Ende einer Ehe.

Genau ein Jahr später gibt Martha, die Mutter der Göre Clarissa, eine Party, und Jernigan schaut vorbei: „Ich zählte sechs Leute, drei und drei, mehr oder weniger in meinem Alter. Zwei Frauen in Shorts und T-Shirt, eine in Shorts und rückenfreiem Oberteil; zwei Männer in Jeans und T-Shirt; einer in abgeschnittenen Jeans und T-Shirt. Dann kamen noch ein paar Männer und eine Frau lachend aus dem Haus. Die Frauen sahen noch ganz okay aus, die Männer setzten bereits einen Bauch an. Zwei hatten einen Bart, was mittlerweile natürlich überhaupt nichts mehr zu sagen hatte.“ Weil aber Martha soweit ganz brauchbar aussah, blieb er da „und all das“ – so wie es Danny nebenan mit Clarissa hielt. „Es war nach einem Jahr das erste Mal, daß mir wieder die Rolle eines Ehemannes zugeteilt wurde.“

Eine glückliche Familie oder so was Ähnliches: ein Rollenspiel. Man vögelt sich durch den Tag, trinkt oder bedröhnt sich in der Nacht, geht nicht unbedingt zur Schule, verpennt die Arbeitszeiten, verliert den bescheuerten Job. „So lebte er hin“, heißt es am Ende von Büchners „Lenz“. Jernigan ist aber kein Dichter, nicht mal ein Verrückter, er hat nur kein Motiv zum Leben. Das ist die Woodstock-Generation, die barfuß zum Licht aufgebrochen war und zur Liebe, die mit LSD ihr Bewußtsein erweitert hatte und nun am Stock durch Nebel taperte und in den leeren Weiten ihrer Bewußtlosigkeit keinen Lebenssinn mehr entdeckte: „Wenn ich schon nicht wußte, was tun, so konnte ich doch wenigstens stinkig sein“, und so entfaltet sich nun mehr und mehr eine Muffelhölle zwischen Jernigan, Martha und den Kids.