New York

Nichts spricht dafür, daß die Vereinten Nationen über den Schwierigkeiten in Somalia den Mut verlieren, in Pessimismus versinken oder der Meinung wären, die Mission grundsätzlich überdenken zu müssen. Doch es wird selbstkritisch nachgedacht: über Fehler und Versäumnisse im Vollzug eines Einsatzes, bei dem zum ersten Mal nicht von vornherein ausgeschlossen wurde, Waffengewalt einzusetzen, um humanitäre Ziele zu erreichen.

Bitter vor allem ist die Erfahrung, daß dem Bandenchef General Aidid mehr gelungen ist, als vorauszusehen war: Er hat die Vereinten Nationen in eine prekäre Diskussion mit der italienischen Regierung über Grundlage und Sinn des militärischen Einsatzes gezwungen und damit zeitweise einen Keil in die Front der Friedenstruppe getrieben. Vor allem hat Aidid in Interviews mit ausgewählten Medien und Journalisten erfolgreich den Eindruck erweckt, als seien die spektakulären Hubschrauberangriffe auf seine Stützpunkte kennzeichnend für die Gesamtlage, als seien Südmogadischu und die Truppe seiner Anhänger identisch mit Somalia und den Somalis.

Sowohl Kofi Annan, der für den Blauhelm-Einsatz verantwortliche Untergeneralsekretär der UN, als auch James Jonah, Untergeneralsekretär für politische Angelegenheiten – beide sind Afrikaner haben vor der Presse und in Gesprächen mit Diplomaten einen anderen Aspekt in den Vordergrund gerückt: daß die Entwicklung außerhalb Mogadischus positiv und friedlich verlaufe und daß die Anhängerschaft Aidids selbst inzwischen gespalten sei. Mit der Mehrzahl der „subclans“ Aidids stehe die Uno bereits in einem Dialog, betonte James Jonah.

Kofi Annan erwähnte auch, daß die Wahl von Distrikträten Fortschritte mache, daß mit dem Wiederaufbau von Schulen, von Verwaltung und Polizei begonnen worden sei und man bereits an die Schaffung eines Nationalen Übergangsrates denke. Aber alles käme wieder ins Rutschen, ja der ganze bisherige UN-Einsatz in Somalia wäre völlig vergebens gewesen, würde man Aidid und seinen Anhängern erlauben, ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Untergeneralsekretär Jonah ging noch einen Schritt weiter. Er sagte, die Zukunft der Vereinten Nationen und ihre globale Rolle im Blick: „Wenn wir in Somalia scheitern, werden die Rückwirkungen verheerend sein.“

Allerdings ist dem Generalsekretär Butros-Ghali und seinen Beratern längst klargeworden, daß der Beschuß der Kommandozentralen Aidids mit der Feuerkraft amerikanischer Hubschrauber nicht endlos weitergehen kann. Innenpolitische Diskussionen gibt es ja nicht nur in der Bundesrepublik. Es war vor allem die Gefolgschaftsverweigerung des italienischen Generals Loi, die in der Uno viele Sensoren aktiviert und deutlich gemacht hat, daß die Abstimmung mit den Ländern, die Kontingente für die Friedenstruppen stellen, viel enger werden muß. Den Vereinten Nationen fehle noch die „Maschinerie“, urteilte in New York ein langjähriger UN-Diplomat, um die politischen Aufgaben mit den neuen militärischen Notwendigkeiten verknüpfen zu können.

Der Sicherheitsrat war mit Madeleine Albright, der amerikanischen UN-Botschafterin, völlig einer Meinung, als sie unlängst erklärte: „Man kann tätige Hilfe nicht leisten, wenn sie durch einen Strauchdieb blockiert wird.“ Aber die Mitglieder des Sicherheitsrates wissen inzwischen genausogut wie die Experten im Führungsstab der Uno, daß gegen „Strauchdiebe“ mehr Geschick und Professionalität aufgeboten werden müssen, als dies im Falle Aidid geschehen ist. Was tun mit ihm? Zwar wird er steckbrieflich gesucht, in Wahrheit aber will ihn niemand – weder lebendig noch tot. Alle Hoffnungen richten sich im Augenblick darauf, den Bandengeneral in das ihm ohnehin vertraute Exil bugsieren zu können.