Von Ralf Sotschek

Dublin an einem Dienstag: Nach der Abendmesse strömt die Gemeinde aus der Dominikaner-Kirche. Vor dem imposanten Steingebäude trennen sich jedoch die Wege der Geschlechter. Während die Männer zügig den nächsten Pub ansteuern, gehen die Frauen über den Hof des Gotteshauses, überqueren die kleine Gasse und verschwinden hinter einer Eisentür in der Gemeindehalle. Viele haben für das kurze Stück einen Schirm aufgespannt, andere halten sich die Abendzeitung über den Kopf, um die Dauerwelle vor dem irischen Nieselregen zu schützen.

Im Flur hinter dem Eingang befindet sich links ein kleines Fenster mit einem Tresen, wo die Frauen sich anstellen, um ein Heft mit zehn verschiedenfarbigen Blättern zu kaufen. Dieses Heft ist der Schlüssel zum irdischen Glück mit kirchlichem Segen: Die bunten Blätter sind Bingo-Karten. Jede Karte gilt für ein Spiel und enthält mehrere Kästchen mit je fünfzehn Zahlen zwischen eins und neunzig. Für 1,50 Pfund gibt es vier Kästchen; wer 2 Pfund anlegt, bekommt sechs Kästchen pro Karte.

Es geht darum, die vom Spielleiter ausgelosten Zahlen abzuhaken: Wem es zuerst glückt, eine Reihe abzuhaken, bekommt umgerechnet 25 Mark; für ein ganzes Kästchen gibt es 100 Mark. Doch damit nicht genug: In der Halle laufen drei Kirchenangestellte herum und verkaufen Lose sowie Jackpot-Karten für ein Pfund. Sie enthalten acht Kästchen. Die Gewinnerin des Jackpots erhält den Superpreis in Höhe von 375 Mark.

Nirgendwo ist Irland irischer als beim Bingo. Hier erschließt sich auch dem letzten Touristen der knöchrige Charme eines Landes, das vom Image her meist mit braunem Bier und sangesfreudigen Leuten gleichgesetzt wird. Bingo – eine Art stiller Karneval unter Regenschutz mit Gewinnchance. Eingeführt wurde dieses Glücksspiel von der katholischen Kirche – sehr zum Entsetzen der Protestanten.

Als die irische Wirtschaft in den sechziger Jahren vorübergehend boomte, kehrten viele Auswanderer in die irische Heimat zurück. Um die wachsende Bevölkerung seelsorgerisch adäquat betreuen zu können, mußten neue Kirchen errichtet werden. Da es in Irland keine Kirchensteuer gibt, verschaffte sich der Klerus einen Teil des Geldes durch Bingo: Wettvergnügen in frommem Ambiente. Inzwischen ist es mit der Konjunktur längst vorbei, die Emigration hat wieder den alten Stand erreicht, doch die Bingo-Abende sind geblieben.

Jede Kirchengemeinde Irlands verwandelt also ihre heiligen Hallen einmal wöchentlich in eine Spielhölle. Wenn es um Ostern oder vor Weihnachten um besonders hohe Gewinne geht, setzen die Veranstalter Sonderbusse ein, um die Frauen aus den benachbarten Gemeinden heranzukarren. Bingo ist ein Domäne der Frauen, nur eine Handvoll alter Männer verliert sich in der Dominikaner-Halle. Ihnen habe der Arzt Alkoholverbot erteilt, versichert die Bingo-Kartenverkäuierin glaubwürdig.