Von Gunter Hofmann

I.

Anrufer aus aller Welt melden sich: Den einen gibt Rupert Neudeck Auskunft über sein Notärztekomitee, den anderen nennt er eine Kontonummer; oder er stimmt mit Freunden eine Hilfsaktion für Bosnien ab, die er 24 Stunden zuvor mit Georg Stefan Troller in Paris besprochen hat und bei der er am nächsten Tag in Sarajevo selber dabeisein will.

Von Gesprächen mit dem Redakteur des Kölner Deutschlandfunks fuhr ich stets mit dem Gefühl nach Bonn zurück, in eine politische Welt heimzukehren, zu der Temperamente wie er nicht recht gehören. Neudecks Welt ist die der „Humanitären“, wie er das nennt. Jedesmal wurde ich unsicherer, ob diese abstrakte Form von Politik (und damit auch von Journalismus) – von Darüberreden und Darüberschreiben – in Zeiten von Krieg, Flüchtlingselend und Fremdenhaß vor der eigenen Tür sich nicht überholt hat. Dieses ewige betrachtende Abseitsstehen, kann das alles sein?

Solche Gefühle sind es auch, die zur Resonanz beitragen, wie sie der junge Abgeordnete Stefan Schwarz mit seinen Anklagen wegen der Morde in Bosnien ausgelöst hat. Er hat die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Wenigstens macht er etwas! Das stillt die Sehnsucht nach klaren Antworten auf unklare Verhältnisse, nach Unterscheidbarkeit von gut und böse. Aber das geht nur einen Moment lang, bald erweist sich auch dies als Illusion.

II.

Als Klaus Kinkel im Auswärtigen Amt Hans-Dietrich Genscher nachfolgte, hatte er einen überaus sympathischen Impuls: Wenn Menschenrechte die vergessene Seite der Politik, aber doch ein Stück von ihr selbst sind, dann wollte er dazu beitragen, beides miteinander im Alltag zu versöhnen. Er versprach, die Menschenrechte zum verpflichtenden Maßstab seines Handelns zu machen. Große Worte – und ein zu großes Projekt, wie man bald sehen sollte.