Von Norbert Kostede

Bescheidenheit ist keine Sache von Autoren und Verlagen, jedesmal legen sie ein „Standardwerk“ vor. „Standardwerk über die Grünen“, heißt es auch diesmal – doch diesmal stimmt’s.

Joachim Raschke, 55jähriger Politikwissenschaftler aus Hamburg, immer einen Kopf größer als seine unzähligen Gesprächspartner auf grünen Parteiversammlungen, nahm ein ganzes Jahrzehnt Martyrium auf sich. Langweilige Finanzberichte und säbelrasselnde Seilschaftstreffen, Krisensitzungen übergeschnappter Bundestagsabgeordneter, die sich stundenlang um fünf Minuten Parlamentsredezeit streiten konnten – all dies absolvierte Raschke als stets sichtbarer „teilnehmender Beobachter“: wissenschaftlich interessiert, wissenschaftlich distanziert.

Es hat sich gelohnt. Der 900-Seiten-Wälzer; angereichert durch Beiträge von zehn weiteren Autoren, stellt deskriptiv wie analytisch alles in den Schatten, was von Parteiforschern bislang über die Grünen geschrieben wurde: die Gründung und der Wandel einer Partei im Kontext neuer Gesellschaftskonflikte; das Profil von Wählern, einfachen Mitgliedern und Führungsgruppen; die Programme und Kampagnen dieser Partei; ihre Wirkungen auf andere Akteure des politischen Systems – kurzum, der gesamte Themenkreis der klassischen Parteiensoziologie wird von den Autoren mit den neuesten Methoden der empirischen und theoretischen Forschung abgeschritten.

Raschkes Studien führen vor Augen, daß die tiefe Krise des Parteiensystems nicht denkbar ist ohne die basisdemokratischen Seiltänze der Grünen in den achtziger Jahren: Rotation und Frauenquote, alljährlicher Kampf gegen Diätenerhöhungen und immer raffiniertere Varianten der Parteienfinanzierung, parteiunabhängige Kandidaten auf grünen Parlamentslisten. Auch wenn solche Rezepte gegen die Freßsucht von Altparteien häufig vor Bigotterie („mehr Menschlichkeit ins Parlament“) und Ineffizienz trieften („wir wollen keine Berufspolitiker“), so haben sie doch in der Öffentlichkeit ein kritisches Bewußtsein entstehen lassen, das so manchen Selbstbedienungsprofi zum Rückzug zwang.

Honoratiorenpartei, Kaderpartei, Volkspartei, Klientelpartei, Bewegungspartei – dieses Jahrhundert hat alle möglichen Parteiformen durchgespielt, und kurz vor seinem Ende will kein noch so „bürgerfreundlich“ gebasteltes Organisationsmodell mehr überzeugen. „Professionelle Rahmenpartei“ heißt Raschkes eigene Antwort auf die Frage, wie denn die Parteiform der Zukunft aussehen könnte: mit geringen personellen Ressourcen starke Mobilisierung bewirken; Vermittlungsinstrument sein in einer sich selbst organisierenden Gesellschaft – mit Selbstbegrenzung und Offenheit als wichtigste Konstruktionsprinzipien.

Doch was als normatives Konzept einer empirischen Untersuchung ganz brauchbar ist, wird – leider – nicht die politische Bühne des nächsten Jahrhunderts betreten. Parteien, das liegt in ihrer Natur, werden immer auch egoistisch handeln und versuchen, den politischen Entscheidungsprozeß zu monopolisieren. Da wird keine noch so ausgetüftelte Selbstbegrenzung die Öffentlichkeit von der Aufgabe befreien, die Parteien immer wieder neu in ihre Schranken zu weisen und gegen verschlossene Türen zu hämmern.