Raus aus dem Theater. Rin in die Natur. Das Sommergesetz deutscher Schauspielkunst gilt nun auch in Magdeburg. Vor der Kulisse am Ufer der Elbe, rechts die Insel Rotehorn mit ihrem Aussichtsturm, links die Elbterrassen, vor uns der hohe Felsen mit dem ersten gotischen Dom auf deutschem Boden, über uns der bestirnte Himmel, in uns das Sittengesetz und ein Schluck Schnaps gegen die feuchte Kälte der Elb-Auen – zittern wir bei einbrechender Nacht der Uraufführung eines Spektakels entgegen, das die Freien Kammerspiele Magdeburg so nennen: „Die Elbe – Theater am Fluß“.

Die Elbe: zwei Stunden lang ist sie mehr als nur Kulisse, wird sie zur Hauptdarstellerin. Aus dem Ufergebüsch steigt eine junge Frau mit Brautschleier, Hochzeitskleid und einer zehn Meter langen Schleppe aus durchsichtigem Plastik. Den ganzen Abend lang zieht die allegorische Gestalt der Mutter Elbe über die fünfzig Meter breite, sich hinten bald im Dunkel der Nacht verlierende Bühne am Kloster Berge Garten. Hier, wo bis 1812 ein Kloster stand, wo nach Peter Lennés Plänen ein Garten angelegt wurde und bis vor kurzem der Kohlehandel alles Grün unter schwarzem Staub erstickt hat, irrt nun die weiße Frau wie ein Gespenst zwischen den Aufbauten herum: einem künstlichen See, einer zierlichen Hoftheater-Bühne, einem gestrandeten Elb-Kahn und einem großen, weißen Zelt, auf das während der ganzen Vorstellung wie auf eine Filmleinwand Video-Aufnahmen von der Elbe heute projiziert werden.

Die Frau, die Braut, die Mutter: sie symbolisiert das aus dem Wasser quellende Leben. In ihre Arme retten sich die Menschen, waschen und baden sich in der Flut des langen Schleiers, in den sie sich auch zur letzten Ruhe betten. Auf ihrem Weg von den Quellen im Riesengebirge, vorbei an Dresden, Wittenberg, Magdeburg, Hamburg, Brokdorf, bis nach Cuxhaven altert Mutter Elbe gewaltig. Ehe die gekrümmt gehende Frau in die Nordsee wankt, wird noch einmal aller Unrat über sie ausgegossen. Schulfunkbrav werden die Tonnenzahlen der Schwermetalle und Gifte aufgesagt, samt chemischer Formeln, die der Fluß nun mit sich schwemmt. Der rote Gifteimer wird der Elbe-Frau über den Kopf gestülpt, ehe sie zusammenbricht und als lebendiger, Leben spendender Strom zu existieren aufhört.

Der Regisseur Klaus Noack, der sich sein Buch selber geschrieben hat, unter fleißiger Benutzung von Histörchen und Anekdoten, Texten von Schiller bis zu Wolfgang Borchert, alten Volksliedern und modernen Schlagern, folgt zwar im großen und ganzen dem Flußlauf vom Gebirg’ ins Flachland, will aber bewußt nicht chronologisch erzählen – ja er will eigentlich gar nicht erzählen: Das macht seinem oft an drei Orten gleichzeitig spielenden, auch akustisch schwer verständlichen Spektakel den Garaus.

Was für ein Einfall, die zeitgenössischen Berichte von der Erstürmung Magdeburgs durch das kaiserliche Heer unter Tilly am 10. Mai 1631, als von 1900 Häusern ganze 200 übrig blieben und 20000 der 30 000 Einwohner innerhalb weniger Tage niedergemetzelt wurden (und der deutsche Sprachschatz um das Totschlagwort „magdeburgisieren“ wuchs) – was für ein Einfall, ohne Pause danebenzustellen Augenzeugenberichte über die Bomben-Nacht vom 16. Januar 1945, als die Stadt ein zweites Mal fast völlig zerstört wurde und die mit Phosphor überschütteten Menschen als zweibeinige Fackeln durch die Straßen irrten, denen man nicht helfen konnte, weil selbst der Feuersturm das tiefgefrorene Löschwasser nicht auftauen konnte. Statt dies in der schlichten Genauigkeit einer Chronik zu erzählen, darf sich eine Schauspielerin, die als eine Magdeburger Mutter Courage mit ihrem Wagen immer wieder auf die Bühne kommt, im Dialekt spreizen und der Schrecken zu einer sentimentalen Einlage dämpfen, wozu in prachtvollen Kostümen Reitersleute über die Szene galoppieren.

Weil in Wittenberg auch der historische Doktoi Faustus sein Wesen getrieben hat, sehen wir ihr im Kampf mit dem Teufel – vorgestellt als Puppenspiel mit Menschen. Die feudalen Händel des Alten Fritz mit der Kaiserin Maria Theresia? Eine Posse unter Transvestiten, die wie eine trostlose Kino-Klamotte mit einer Kanonade von Sahnetorten endet, wobei der Preußen-König in den See fällt. Und immer exerzieren Soldaten im weißlich grauen Drillich namenloser Rekruten, ehe sie ins Feld geschickt werden, in den Tod. Der pflanzt als Knochengerippe die Bühne allmählich mit Holzkreuzen zu. Und immer steht eine Mutter am Waschtrog, versucht Kinder aufzuziehen und sterbende Soldaten zu trösten.

Mit Schauspielern aus sechs Ländern und einer großen Schar von Schülern inszeniert Noack sein Elb-Spektakel als szenische Collage zwischen Kabarett und Musical, Zirkus, Schulfunk und kritischer Predigt (bis zum 31. Juli, täglich außer montags, 21 Uhr).