Über 30 000 Frauen und Männer erkranken in Deutschland jährlich an Enddarmkrebs. Wenn die Krankheit sich durch Schmerzen und Blutungen bemerkbar macht, befindet sie sich meist schon im fortgeschrittenen Stadium. Für eine Heilung ist es dann oft zu spät. Die Hälfte aller Darmkrebskranken stirbt in den ersten fünf Jahren, nachdem die Diagnose gestellt wurde. Wird früh operiert, also während die Geschwulst noch auf die Darmschleimhaut beschränkt ist, so überleben fast neunzig Prozent dieser Erkrankten. Bei einer späten Operation, wenn also das Krebsgeschwür vorgedrungen ist und die ringförmige Darmmuskulatur erreicht hat, haben nur knapp zwanzig Prozent der Patienten eine Überlebenschance von mehr als fünf Jahren.

Die unbefriedigende Therapie hat Ärzte seit vielen Jahren nach neuen Behandlungsstrategien suchen lassen. Sie haben alle Kombinationen von radikaler Operation mit Bestrahlung vor und nach dem Eingriff und seit einiger Zeit auch noch mit Chemotherapie ausprobiert.

In renommierten internationalen Fachzeitschriften und auf Kongressen werden ständig neue Therapieregime vorgestellt. Stets werden die Kollegen aufgefordert, mit Hilfe neuer Studien zu überprüfen, welche Methoden in der Behandlung des Rektumkarzinoms erfolgreicher sind. Widersprechen sich die Ergebnisse, finden Konsensuskonferenzen unter den Wissenschaftlern statt, die mühsam versuchen, einheitliche Behandlungsstandards zu entwickeln.

Strahlentherapie und Chemotherapie sind heikle Instrumente. Röntgenstrahlen und Zellgifte können gesunde nicht von kranken Zellen unterscheiden. Dennoch lassen sie sich für die Behandlung bestimmter Krebsarten nutzen. Bösartige Zellen sind unreif und wachsen schneller als gesunde Zellen. Daher werden sie von Strahlen und Giften schneller angegriffen als die eine Geschwulst umgebende Struktur aus Bindegewebe und Blutgefäßen. Aber das Umgebungsgewebe braucht längere Zeit als die Tumorzellen, um sich vor einem nachfolgenden Strahlenangriff zu erholen. Müßte nicht auf die gesunde Umgebung Rücksicht genommen werden, ließe sich jeder Tumor durch Bestrahlung oder Chemotherapie beseitigen.

Die hohe Kunst der Krebstherapie liegt darin, die schmale Grenze zwischen gewünschter Wirkung und unerwünschter Nebenwirkung zu erkennen. Wird der Darmkrebs durch Bestrahlung ausgerottet, aber die lebenswichtigen umgebenden Gewebe geschädigt, können tödliche Nebenwirkungen an Darmschlingen, Harnblase oder Harnleiter auftreten.

Für die Strahlenwirkung kommt es dabei entscheidend nicht nur auf die Dosis an – sie wird in Gray (Gy) berechnet –, sondern auch auf die Bestrahlungsdauer. Radiologen wie der in London lehrende Klaus Rüdiger Trott oder sein Hamburger Kollege Horst Jung halten die richtige zeitliche Aufteilung der Strahlendosis für entscheidend: Schnell und viel sei gefährlich, langsam und wenig ungefährlicher, aber dennoch wirksam. Dagegen haben sich bei der von Klaus-Henning Hübener am Hamburger UKE ingewendeten Kombination von Vorbestellung, Operation, Nachbestrahlung und gleichseitiger Chemotherapie nicht nur die gewünschten Effekte, sondern auch die unerwünschten Nebenwirkungen potenziert.

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob die von Hübener durchgeführte Vorbestrahlung des Rektumkarzinoms in einer Gesamtdosis von 20 Gy in zwei oder in sieben Tagen vorgenommen wird. Seine Kollegen, auf die Hübener zur Bestätigung seiner Strategie gern verweist, teilen die Bestrahlung anders als Hübener in viele kleine Dosen auf: beispielsweise mit einer Höhe von 1,4 Gy – dann dauert die Behandlung nicht zwei Tage, sondern rund zwei Wochen.

Hans Harald Bräutigam