Es hilft kein Leugnen und kein Gesundbeten. Welches Wachstum auch immer die Volkswirtschaft erreicht, eines ist gewiß: Mit der Arbeitslosigkeit geht es auch künftig bergan. Die offizielle Statistik zählt derzeit in Ost und West 3,3 Millionen Menschen ohne Beschäftigung, in Wirklichkeit aber sind schon heute 5,6 Millionen ohne Job. Und das Schlimmste steht nach Ansicht der Volkswirte der Deutschen Bank noch bevor; sie glaube, daß in Westdeutschland erst ein Drittel des bevorstehenden Arbeitsplatzabbaus realisiert ist.

Die Schreckenszahl von sechs Millionen Arbeitslosen, die so fatal an das Ende der ersten deutschen Republik erinnert, dürfte also sechzig Jahre danach noch überschritten werden. Ein Szenario, das auch die Bundesregierung aufschrecken müßte. Doch in Bonn scheint man die Zeichen der Zeit noch immer nicht erkannt zu haben. Der Entwurf für ein neues Arbeitszeitgesetz jedenfalls, der kürzlich vom Kabinett gebilligt wurde, wird an diesen ungeheuren Problemen wenig ändern.

Der Grundgedanke des Papiers, mit längeren Maschinenlaufzeiten die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu erhöhen, bleibt ein frommer Wunsch, solange die bisher bestehenden Möglichkeiten nicht einmal annähernd ausgeschöpft werden. Beispiel Textilindustrie: Ausdrücklich unter Hinweis auf diese Branche preist Wirtschaftsminister Günter Rexrodt die erweiterten Möglichkeiten für Sonn- und Feiertagsarbeit an. Sie sollen Jobs sichern und neue schaffen. Wußte Rexrodt denn nicht, daß der Tarifvertrag in diesem Wirtschaftszweig seit langem erlaubt, die teuren Maschinen 144 Stunden in der Woche laufen zu lassen, und daß kein einziger Betrieb bisher davon Gebrauch macht?

Beispiel Metallindustrie: Seit Jahren können bis zu achtzehn Prozent der Belegschaften bis zu vierzig Stunden wöchentlich beschäftigt werden, also vier Stunden mehr als die mittlerweile gültige Wochenarbeitszeit. Nach einer Untersuchung der IG Metall nutzen gerade 2,2 Prozent der Unternehmen diese Chance zu Flexibilisierung. Wußte niemand in Bonn, daß die Maschinen in der deutschen Industrie im Schnitt nur 53 Stunden in der Woche laufen, in Ausnahmefällen 59 Stunden – und das, obwohl die Tarifverträge weit längere Zeiten anbieten? Selbst in Boomzeiten, als die Auslastung noch weit über achtzig Prozent lag, wurden die Kapazitäten kaum mehr genutzt.

Welchen Sinn also macht es, den Forderungen von Unternehmern und ihren Verbänden nach Ausweitung der Wochenendarbeit, die derzeit wieder einmal Konjunktur haben, mit der Arbeitszeitnovelle Rechnung zu tragen? Überdies wird das Wochenende schon jetzt nicht so wenig genutzt, wie die ständigen Klagen suggerieren. Nach einer Untersuchung des Instituts zur Erforschung sozialer Chancen in Köln praktiziert mehr als die Hälfte der Firmen im produzierenden Gewerbe ein- bis zweimal im Monat Samstagsarbeit, im Dienstleistungssektor sind es über sechzig Prozent. Sonntagsarbeit verordnet zwar nur ein Fünftel aller Betriebe. Aber solange die übrigen Wochentage nicht einmal voll belegt sind, kann das Interesse am siebten Tag der Woche auch nur in Ausnahmefällen interessant werden. Und Ausnahmegenehmigungen haben die Behörden stets großzügig erteilt.

Ein anderer Punkt des Entwurfs, der den vehementen Widerspruch der Gewerkschaften hervorrief, erlaubt einen längeren Ausgleichszeitraum, wenn die normale 40-Stunden-Woche überschritten wird. Erst innerhalb von sechs Monaten statt bisher zwei Wochen muß die durchschnittliche Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag erreicht werden. Im Klartext: Es können mehr Überstunden geleistet werden. Die Arbeitslosigkeit wird das kaum bremsen. Im Gegenteil. Die 1,6 Milliarden Überstunden, die im vergangenen Jahr anfielen, entsprechen rund 900 000 Arbeitsplätzen. Selbst wenn eine solche Umrechnung graue Theorie ist, muß der Bonner Beschluß auf die Millionen Menschen ohne Beschäftigung wie eine kalte Dusche wirken.

Wieder einmal hat die Bundesregierung also falsche Signale gesetzt. Weder mehr Sonntagsarbeit noch mehr Überstunden helfen den Erwerbslosen wieder zu Lohn und Brot. Längere Arbeitszeiten der Beschäftigten verschärfen vielmehr die Probleme. Der Massenarbeitslosigkeit kommt man nur durch kürzere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, mehr Teilzeitplätze und flexiblere Arbeitsorganisationen bei. In den Gewerkschaften hat das Umdenken in diese Richtung begonnen. In der Regierung ist man davon aber offenbar noch weit entfernt. Erika Martens