Von Helga Keßler

Der gezielte Kick mit dem Fuß hinterläßt einen schwarzen Streifen auf dem Bodenbelag. Wie beabsichtigt. Denn nun folgt Teil zwei des Tests, der Versuch, den Streifen mit Spucke zu entfernen. Doch der schwarze Strich bleibt. Auch die feine Linie, die der Fachjournalist für Bodenbeläge mit dem Fingernagel eingeritzt hat, Verschwindet nicht mehr. „Das taugt doch nicht als Bodenbelag“, schimpft er. Und seine Kollegen, die den Test mitverfolgt haben, pflichten ihm bei. „Viel zu weich“ und „vermutlich schwer zu pflegen“, argwöhnen sie über das neue Material, von dem sie bislang nur wissen, daß es kein PVC ist.

Die Überraschung ist perfekt, als Lars Wisén, Präsident des schwedisch-deutschen Bodenbelagherstellers Tarkett in Ronneby, kurz darauf verkündet, daß seine Firma just mit diesem Stoff aus der Verarbeitung von PVC aussteigen wird, „Schritt für Schritt“.

Die Konkurrenz dürfte genauso überrascht gewesen sein wie die Fachjournalisten. Denn Tarkett ist Europas größter, weltweit zweitgrößter Hersteller von PVC-Böden. Warum verabschiedet sich eine Firma von einem Material, mit dem sie bislang 70 Prozent ihres Jahresumsatzes von 1,6 Milliarden Mark erwirtschaftet hat? „PVC ist ins Kreuzfeuer der Kritik geraten“, erläutert Wisén die Entscheidung und gibt offen zu, daß „Tarkett dem Druck der Umweltbewegungen nachgibt“. Doch das sei allemal klüger, als unbeirrt ein problematisches Rohmaterial zu verteidigen. Außerdem habe die Umweltbewegung einen neuen Markt geschaffen: den Markt für chlorfreie elastische Bodenbeläge. Im September will Tarkett die Neuheit einführen, zunächst in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Schweden. Bislang ist von dem Produkt nur zu erfahren, daß es ein Polyolefin ist, also aus Polyethylen, Polypropylen oder einem ähnlichen Polymer besteht.

Vom marktwirtschaftlichen Standpunkt betrachtet, hat die Entscheidung durchaus Sinn – immer mehr Kommunen in der Bundesrepublik und in Österreich verbieten PVC als Baumaterial in öffentlichen Gebäuden. In ganz Hessen dürfen zur Zeit keine Rohre, Bodenbeläge und Tapeten aus PVC mehr im öffentlichen Bauwesen verwendet werden. Von 1995 an gilt das Verbot auch für Fenster und Türprofile. Zwar scheinen die hessischen Regierungsparteien ihre harte Haltung gerade ein wenig zu lockern, dennoch: Die Ächtung der Chlorchemie und mit ihr des PVC wird sich allmählich auch auf andere Länder Europas ausdehnen. Das genügt als Motiv für eine „Kurskorrektur“ bei Tarkett. Gleichzeitig muß jedoch gefragt werden, ob sich für sämtliche Anwendungsbereiche von PVC Alternativen finden lassen und ob diese unter ökologischen Gesichtspunkten tatsächlich besser sind.

„PVC-Verpackungen sind leicht durch andere Materialien zu ersetzen – im Baubereich ist das schwieriger“, begründet Holger Brackemann die „ambivalente Haltung“ des Umweltbundesamtes. Insbesondere bei Fenstern sei es schwierig, Ersatz zu finden. Tropenholz, das am besten geeignet wäre, verbiete sich aus ökologischen Gründen. Zudem müsse Holz regelmäßig lackiert und abgebeizt werden. Einem chlorfreien Kunststoff bescheinigt Brackmann immerhin, daß von diesem keine Gefahren ausgehen. Bei PVC-Bodenbelägen beispielsweise sieht das Umweltbundesamt ein erhebliches Risiko, wenn es zum Brand kommt. „Mehrere Untersuchungen haben gezeigt, daß dann Dioxine gebildet werden“, berichtet Brackmann. Abgesehen von der Gesundheitsbelastung seien nach PVC-Bränden aufwendige und teure Sanierungen notwendig. Außerdem störe PVC das Recycling anderer Kunststoffe. Das Umweltbundesamt hat eine Ökobilanz zu chlorhaltigen Baumaterialien in Auftrag gegeben. Bis das Ergebnis vorliegt, sieht sich die Behörde nicht in der Lage, Empfehlungen für PVC-Ersatzprodukte auszusprechen.

„Es hat ja einen Grund gehabt, daß PVC verwendet wurde“, empört sich Rüdiger Baunemann vom Verband der Kunststofferzeuger. Er sieht weder für Fenster- noch für Bodenbelag eine Alternative zu PVC. Bodenbeläge auf Polyolefinbasis taugten nur in bestimmten Anwendungsfällen, denn Polyolefin ist, genauso wie Linoleum, gegen hohe mechanische und chemische Beanspruchungen nicht beständig. In Operationssälen eignen sich beide Materialien ebenfalls nicht – dort muß der Fußboden fugenlos verschweißt sein, sonst können sich Bakterien in die Ritzen einnisten. So etwas geht momentan nur mit PVC. Überdies würde „im Bausektor der PVC-Ersatz teuer“, zitiert Baunemann eine Berechnung der Bielefelder Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft. Danach entstehen pro Siebzig-Quadratmeter-Wohnung Mehrkosten von rund 4000 Mark, wenn PVCdurch Holz-Alu-Fenster und PVC-Böden durch Linoleumbeläge ersetzt werden.