Ganz unglaubliche Geschichten beginnen oft mit dem Satz „Amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt, daß...“ So auch diese hier: Unter der Schlagzeile „Schwulen-Gen von Forschern entdeckt“ meldet die britische Zeitung Independent auf ihrer Titelseite, Wissenschaftler des US-Krebs-Institutes bei Washington hätten die Ursache für homosexuelle Neigungen in einem Abschnitt des X-Chromosoms geortet und dies im Fachblatt Science veröffentlicht.

Die Gruppe um den Aids-Spezialisten Dean Hamer nahm zunächst die Familiengeschichten von 114 männlichen Homosexuellen unter die Lupe. Dabei fanden sie ungewöhnlich viele schwule Onkel und Neffen in der mütterlichen Linie der Probanden, nicht jedoch in der väterlichen. Da das X-Chromosom nur von der Mutter weitergegeben wird, so kombinierten die Forscher, mußten sie in diesem Teil der Erbanlagen suchen. Indem sie die Strukturen der Probanden-Gene verglichen, stellten sie eine deutliche Übereinstimmung sogenannter Marker in der Region Xq28 fest – das Schwulen-Gen war gefunden.

Ganz unglaublich? Wie wahr: Über einfache Merkmale, wie die Augenfarbe, entscheiden zwar einzelne Gene, doch schon für die Körpergröße beispielsweise spielen mehrere Gene sowie die Umwelt ein Rolle. Die sexuelle Orientierung ist jedoch Verhalten und als solches komplex, variabel, individuell – wäre unser Verhalten monokausal, hätten die Psychiater leichte Arbeit. Die Weichen in Richtung homo oder hetero stellen, so weit sind sich die Fachleute einig, Veranlagung, Umwelt und Hormone gemeinsam. Die Nachricht vom Schwulen-Gen ist deshalb nicht umstürzend, sondern bestätigt nur die Richtung, in die ohnehin gedacht wurde.

Aufmerksame Independent-Leser, das sei zur Ehrenrettung des Blattes gesagt, müssen letztlich zu demselben Schluß kommen: In dem Artikel unter der reißerischen Schlagzeile lesen sie, daß das Gen zwar in der Region Xq28 „lokalisiert“, aber nicht „isoliert“ wurde – was nur bedeutet, daß man jetzt zu wissen glaubt, wo man suchen muß. Die Suche nach der genauen Lage des Gens kann allerdings noch dauern, denn die so präzise klingende Bezeichung Xq28 steht für einen Chromosom-Bereich von mehreren hundert Genen. Von einem Schwulen-Gen zu sprechen ist aber vor allem aus folgendem Grund völlig irreführend: Es ließ sich nur bei 33 der 40 schwulen Probanden nachweisen – ob vielleicht auch Heteros den Marker tragen, haben die Wissenschaftler gar nicht untersucht. Völlig offen ist außerdem noch, ob es sich um ein Gen oder um mehrere Gene handelt. Selbst Gensucher Hamer wird mit vorsichtigen Worten zitiert: „Unsere Forschung deutet an, daß Schwulsein bis zu einem gewissen Grad auf einer genetischen Veranlagung beruht. Wir können nur spekulieren, was das Gen macht.“

Ungeachtet der wackeligen Fundamente, auf denen die Vermutung steht, daß Schwulsein genetisch festgelegt sein könnte, ist vor allem in den Medien Englands und der USA eine heftige Debatte über die Auswirkungen der Forschungsarbeit von Dean Hamer entbrannt. Da wird beispielsweise spekuliert, wie sich ein so kontraproduktives Gen im Laufe der Evolution halten konnte. Auch werden die – durchaus verschiedenen – Positionen von Schwulenorganisationen im Genstreit diskutiert. Selbst die Kirchen werden um ihre Meinung gefragt.

Warum nur diese ganze Aufregung? Dingen auf den Grund zu gehen ist eine menschliche Eigenschaft, doch beim Thema Homosexualität scheint es um mehr zu gehen. Die Angst vor sexuellen Minderheiten beflügelt die Phantasien, auch wenn Wissenschaftler festgestellt haben, daß Vielfalt ein Prinzip der Natur ist. Christian Weymayr