Von Joachim Fritz-Vannahme

Bonn

Erst hieß er einfach „Klaus“: Welch ein Allerweltsname für den V-Mann des rheinlandpfälzischen Verfassungsschutzes im Kreis der Roten Armee Fraktion, den Zeugen von Bad Kleinen. In wenigen Tagen wurde daraus „Klaus aus Wiesbaden“, dann „Klaus S.“, schließlich stellte man ihn als „Klaus St. (33)“ vor: Anschrift und wahre Identität sind dem Spiegel („viele Frauengeschichten, linker Casanova“) und dem Norddeutschen Rundfunk bekannt. Buchstabe um Buchstabe wurde da ein Phantombild gerastert.

Am Wochenbeginn wußte schon eine ganze Reihe von Verfassungsschützern und Journalisten, Polizeibeamten und Politikern Bescheid über „Klaus“ – nur nicht die Ermittler der Schweriner Staatsanwaltschaft. In ihrer Not baten sie die „Panorama“-Redakteure um eine Art Amtshilfe, die den Schweriner Beamten von ihren Kollegen in Wiesbaden, Köln oder Mainz schlicht verweigert wurde. Die „Panorama“-Redaktion freilich lehnte es mit Recht ab, „Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den staatlichen Behörden zu lösen“. Den Tatzeugen „Klaus“ konnten die Ermittler im Todesfall Wolfgang Grams selbst drei Wochen nach der Schießerei auf dem Bahnsteig in Bad Kleinen noch immer nicht vernehmen.

Dennoch rückte das Verwirrspiel um den V-Mann für einige Tage den ungeklärten und unbequemen Fall Grams in den Hintergrund. Selbst die Rechtsmediziner in Lübeck und die Polizeiwissenschaftler in Zürich bestätigten nur, was alle längst vermutet hatten: Der tödliche Schuß auf den mutmaßlichen RAF-Terroristen kam aus dessen eigener Waffe. Doch wer feuerte die tschechische Bruenner CZ M 75 ab? Und wie starb Michael Newrzella, der GSG-9-Beamte? Seine Eltern verlangen Aufklärung. Bislang galt als sicher, daß Newrzella selbst keinen Schuß abgefeuert hat und von Grams am oberen Ende der Bahnsteigtreppe niedergestreckt wurde.

Wer wußte wann worüber Bescheid: das ist inzwischen zum Ratespiel nicht nur unter führenden Beamten des Bundeskriminalamtes, des Verfassungsschutzes und der Bundesanwaltschaft geworden. Auch die Politiker beteiligen sich daran. Rückte in der vergangenen Woche widerwillig Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ins Zentrum des Interesses, so zog diese Woche eher die rheinland-pfälzische Landesregierung von Rudolf Scharping die Blicke auf sich.

Der Ministerpräsident will vom erfolgreichsten V-Mann in der über zwanzigjährigen Terroristenfahndung erst am 4. Juli erfahren haben. Sein Innenminister Walter Zuber berichtete am Dienstag, daß „Klaus“ seit fast zehn Jahren aus der autonomen Szene im Rhein-Main-Gebiet Informationen geliefert hatte und allmählich in den inneren Kreis der RAF vorgestoßen war. Schon zwei Monate vor dem ahnungslosen Scharping wurden hingegen die Bundesjustizministerin und die Leiter von Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft ins Bild gesetzt.