Von Martin Krolzig

Waidmannsheil“, sagt der Kollege fröhlich, als die Gruppe wieder auf der Dienststelle ist. – „Klasse gemacht, den hätt’ ich auch gern weggeblasen“, sagt schulterklopfend ein anderer zu dem Beamten, der gerade einen mehrfachen Mörder erschossen hat. – „Keine Probleme. Der Kollege hat die Geschichte gut weggesteckt“, meldet drei Tage später der Chef des Kommandos dem Polizeiführer. Als der schließlich in die Einheit kommt, bedankt er sich zunächst bei den eingesetzten Beamten für ihren lebensgefährlichen Einsatz, um dann fortzufahren: „Aber von einem Erfolg kann man ja wohl nicht sprechen.“ Auf die irritierte Rückfrage, warum das denn nicht, es sei doch alles planmäßig verlaufen: „Weil ein Mensch getötet wurde. Das kann man ja wohl nicht Erfolg nennen.“

Torsten, nennen wir ihn einfach so, gehört seit etwa fünf Jahren zu einem Spezialeinsatzkommando. Seine Geschichte berichtet er in einem Kreis von sechzehn Kolleginnen und Kollegen in der Evangelischen Akademie Mülheim. Alle sechzehn haben schon einmal auf einen Menschen geschossen oder einen Menschen erschossen. Weder Schußprofile noch Schmauchspuren interessieren sie, weder rechtliche Bewertungen noch taktische Varianten. Es geht allein darum, wie sie den Schuß erlebten und was danach geschah.

Torsten fragt: „Wie sollst du in deiner Dienststelle darüber reden, wie dir zumute ist?“ Hier verstehen ihn alle, denn sie haben das postshooting-Trauma, wie der amerikanische Fachbegriff lautet, am eigenen Leibe erlebt. „Am schlimmsten sind die eigenen Kollegen mit ihren dummen Sprüchen“, merkt einer bitter an. Das Bild vom schießenden Polizisten als seelenloser Kampfmaschine, einer Kreuzung von Rambo, James Bond und Schimanski – in diesem Kreis zerbricht es. Schon ein Blick in die Statistik zeigt: Streifenpolizisten wie Sondereinsatzbeamte sind alles andere als schießwütig. Fast immer finden sie gewaltfreie oder gewaltarme Lösungen. Der polizeiliche Schußwaffengebrauch ist Gott sei Dank – sehr selten.

Die Annahme, daß im Zuge steigender Kriminalität auch Polizisten häufiger zur Waffe greifen, ist falsch, ebenso die früher geäußerte Vermutung, daß durch die Aufstellung der Spezialeinheiten in Bund (GSG 9) und Ländern (SEK und MEK) der polizeiliche Schußwaffengebrauch bedenklich zunehmen werde. Das Gegenteil ist richtig: Trotz steigender Gewaltbereitschaft schossen Polizisten in den vergangenen Jahren seltener. 1991 benutzten die Beamten 2359mal ihre Waffe. Doch mehr als acht von zehn Schüssen galten gefährlichen oder kranken Tieren.

In 114 Fällen wurde gezielt auf Menschen geschossen. Dabei wurden neun Menschen getötet und 89 verletzt. Zum Vergleich: 1990, damals gab es noch keine gesamtdeutsche Statistik, wurden zehn Personen in den alten Bundesländern und drei in den neuen von Polizisten erschossen. 1992 wurden neun Personen von Polizisten getötet.

Doch wenn es denn passiert und der point ofno return überschritten wurde, herrschen Hilflosigkeit, Verdrängung und Abwehr.