Von Dieter E. Zimmer

Was „die Biologie“ oder besser: die naturwissenschaftliche Anthropologie zu den leider oft heiklen Gruppenbeziehungen des Menschen zu seinen fremden Artgenossen sagt, ist etwa das folgende. In den Jahrhunderttausenden, die ihn geformt haben, wurde der Mensch in eine kleine Gruppe hineingeboren, die nur zusammen überlebensfähig war und außerhalb derer der einzelne kaum eine Chance hatte. Der Zusammenhalt dieser Gruppen mußte über die Generationen hin gesichert werden; und das geschah, indem die Evolution Gefühle hervorbrachte, die dem, was notwendig war, entgegenkamen. So bildete sich ein emotionaler Unterbau heraus: ein Bias, eine positive Voreingenommenheit der eigenen Gruppe gegenüber, gepaart mit einem mißtrauisch kategorisierenden Blick, der schnell und sicher den Angehörigen einer auch nur minimal fremden Gruppe zu erkennen wußte, einem leichten inneren Alarm, bereit, rasch in Angst oder Haß umzuschlagen. Diese Reaktion – nennen wir sie die X-Reaktion – ist uns im Baum unserer Motive geblieben, ein Gattungsmerkmal sozusagen. Zu ihrer Zeit war sie sinnvoll; heute, da es die eine, zwingende Gruppe für kaum jemanden noch gibt und alle unter Fremden und Fremdesten leben müssen, ist sie ein emotionaler Atavismus. Um nicht so leicht auf ihn hereinzufallen, ist es besser, von ihm zu wissen.

So gut er auch gemeint ist: der Begriff „multikulturell“ läßt das Problem harmloser aussehen, als es wirklich ist. Er tut so, als ginge es in der „multikulturellen Gesellschaft“, zu der uns in der Tat gar keine Wahl bleibt, lediglich darum, ein paar einander fremde Kulturtraditionen miteinander bekannt zu machen und wo nötig zu versöhnen. Anderswo weiß man längst, daß wir es mit einem sowohl tieferen als auch weiteren Problem zu tun haben: dem der Multiethnizität.

„Ethnisch“ mag man in Deutschland und nur hier nicht sagen, weil es fast klingt wie das „völkisch“ der Nazis. Der Ire, Koreaner oder Jude, der in New York stolz an seiner Ethnizität festhält, einer der unmeltable ethnics, die über Generationen hin der einschmeichelnden Schmelztiegel-Doktrin Amerikas widerstanden haben, würde es sich zu Recht verbitten, legte ihm dies jemand als Nazidenken aus. Der Begriff „völkisch“ ist kontaminiert mit den Geschichtsklitterungen, den retrograden agrarischen Phantasien und der absurden, nämlich unbiologischen Rassendoktrin der Nazis. Unbiologisch war sie, weil die Deutschen eben keine auch nur halbwegs reine Rasse sind, sondern eine nordeuropäische Promenadenmischung; weil eine reine Rasse nicht wertvoller ist als eine gemischte, biologisch sogar eher im Nachteil, da es ihr an genetischer Variabilität fehlt; und weil es „Herrenrassen“ schlechterdings nicht gibt.

Genau darum ist der von dem Ethnologen Wilhelm Mühlmann 1964 eingeführte Begriff der „Ethnie“ nützlich. Er ist frei von solchen Anmaßungen. Er bezeichnet schlicht „die größte feststellbare souveräne Einheit, die von den betreffenden Menschen selbst gewußt und gewollt wird“, und läßt offen, womit die Menschen diese ihre ethnische Identität definieren, dem Aussehen, der gemeinsamen Geschichte, der Konfession, der Sprache, dem Brauchtum. Im Gegensatz zum Begriff der Multikulturalität drückt der der Ethnie jedoch aus, daß es sich nicht unbedingt nur um eine im weitesten Sinn kulturelle Identität handeln muß. Auch die genetische Identität kann eine Rolle spielen. Sie offenbarte sich einmal natürlich im Aussehen, zum andern aber auch in jenen Aspekten des Charakters, die genetisch mitbegründet sind. (Nach den Ergebnissen der Zwillingsforschung haben Charakterunterschiede zwischen den Menschen zu etwa fünfzig Prozent genetische Ursachen. Über Grappenunterschiede besagt diese Zahl noch nichts; aber sie läßt es mehr als wahrscheinlich erscheinen, daß auch diese zum Teil genetisch begründet sind.)

Völkerpsychologie ist nicht zu Unrecht so oft bespöttelt worden, daß wir in unseren theoretisch abgehobenen Momenten heute meinen, es gäbe prinzipiell gar keine psychischen Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungen. Innerhalb jeder Bevölkerung gibt es aber so viele individuelle Unterschiede, daß der gemeinsame Nenner schwer auszumachen ist und immer durch jede Menge Gegenbeispiele scheinbar entkräftet wird; es besteht auch eine starke Neigung, die eigenen wilden Projektionen mit Beobachtungen zu verwechseln und Gruppen Charaktereigenschaften zuzuschreiben, die sie wirklich nicht haben. Aber statistische Unterschiede wird es zwischen allen Gruppen bei unzähligen Merkmalen geben, und die erstaunliche und essentielle menschliche Fähigkeit der Schemabildung (also der Fähigkeit, verschiedensten Eindrücken von der gleichen Sache den gemeinsamen Nenner zu extrahieren) läßt sich selbstverständlich von wohlmeinenden diplomatischen Rücksichten auch gar nicht aufhalten. Dieselben Leute, die theoretisch jeden Charakterunterschied zwischen Nord- und Südeuropäern abstreiten, fahren begeistert nach Kreta, weil die „Südländer“ dort so angenehm locker und extrovertiert sind.

Die X-Reaktion, wenn es sie denn gibt, ist also eine Reaktion auf jede fremde Gruppenzugehörigkeit, und wenn irgend etwas die Brillenlosen dazu bewegt, sich als Gruppe zu verstehen, wird ihr Mißtrauen allen Brillenträgern gelten, so wie im sozialpsychologischen Experiment abwechselnd die blau- und die braunäugigen Kinder einer Schulklasse mühelos dazu gebracht wurden, auf die jeweils andere Gruppe verächtlich herabzusehen. Die größtmögliche Gruppe, der der einzelne durch Loyalität verbunden ist, ist per definitionem die Ethnie. Die größten und beharrlichsten Konflikte sind darum die ethnischen. Zwar hat Enzensbergers Diagnose einiges für sich, daß die Gesellschaften vielerorts immer mehr in bloße, sich bekriegende Banden zu zerfallen scheinen, daß die Welt auf einen Hobbesschen Krieg aller gegen alle zusteuere. Bei näherem Blick aber sind und bleiben die meisten Konflikte ethnischer Art; selbst die Mafias der zerfallenen Sowjetunion sind ethnisch organisiert.