Von Bartholomäus Grill

Mogadischu

Aus hundert Augenpaaren funkelt der Haß. Immer dichter wird die Menschentraube, immer enger schließt sich der Kreis. Jede Frage steigert die Wut der Leute. Ob es bei den vier Kollegen, die vom Mob gelyncht wurden, auch so anfing? Ob Abdulkadir Abdi Kalif überhaupt richtig übersetzt?

„Sag’s ihm, dem Journalista!“ brüllt ein hünenhafter Mann und pufft den Dolmetscher in die Rippen. „Sie reden von Humanität und bringen uns um!“ Die giftigen Worte wirken wie Benzin auf Feuer. „Die fremden Soldaten vergewaltigen uns!“ schimpft eine junge Frau. „Sie haben mein Shampoo gestohlen“, kreischt eine Greisin. Im wilden Zetermordio schreit ein Halbwüchsiger lauter als alle anderen: „Wenn sie unseren General Aidid fangen, dann gibt es einen langen schweren Krieg. Dann kämpfen alle Somalier gemeinsam gegen die Unosom.“ Böse Blicke ringsum. Es ist höchste Zeit, die Straßenbefragung zwischen den Ruinen Mogadischus abzubrechen.

Wir befinden uns im Süden der Hauptstadt Somalias, im Territorium des Kriegsfürsten Aidid. Hier wütet seine Soldateska, hier treiben sich Mordgesellen und Plünderer herum, die der Stadt das Gesetz der Anarchie aufzwingen. Merkwürdig, daß gerade hier der Haß auf die Blauhelme kulminiert – sie waren doch gekommen, um den Banditen das Handwerk zu legen.

„Statt Brot und Frieden haben sie Brot und Tod gebracht“, sagen die einfachen Leute. Sie wirken verbittert, ausgezehrt. Als die Vereinten Nationen eingriffen, durften sie noch hoffen: auf Nahrungsmittel, auf ein Ende des Blutvergießens, auf den Wiederaufbau des verwüsteten Landes. Der Hunger hat aufgehört, doch das Morden geht weiter, und an einen Neubeginn ist nicht zu denken. An die Freudentage, da die Blauhelme jubelnd empfangen wurden, mag sich keiner mehr erinnern. Immer mehr Somalier betrachten die humanitäre Interventionsgruppe als militärische Besatzungsmacht – und sie führt sich auch so auf.

Nachts rauben UN-Kampfhubschrauber den Schlaf; sie knattern auf der Suche nach Rebellennestern unermüdlich über die Dächer. Am Tage rasseln weiße Panzer durch die Straßen. Die Menschen schauen in Maschinengewehr-Mündungen, in die mißtrauischen Mienen der Blauhelme aus aller Herren Länder.