Von Julia Tugendhat

Von uns sechs hatte keiner etwas Verdächtiges gehört; erst als ich um acht Uhr morgens in die Küche hinunterging, merkte ich, daß auf dem Garderobenschrank das Geld fehlte, das ich dort hingelegt hatte; auch meine Handtasche, ein tragbarer CD-Player und zwei Paar Handschuhe – Einbruch. Zutritt hatte sich der Eindringling vermutlich mit einem Werkzeug verschafft, das er durch den Briefkastenschlitz führte. Ein Familienmitglied (wer, das wird nicht verraten) hatte bei seiner Heimkehr von einer Party vergessen, die Tür von innen zu sichern. Es hatte bestimmt nur ein paar Augenblicke gedauert, und geschnappt hatte sich der Einbrecher nur, was gerade greifbar war.

Pech: In meiner Handtasche steckten Schlüsselbund, Kreditkarten, Terminkalender, Adreßbuch und mein Führerschein. Glück: Nichts war mutwillig zerschlagen und niemand verletzt worden. Sogar die Haustür war heil geblieben, und ich machte sie einfach wieder zu. Schon zehn Minuten später nahm eine freundliche Polizistin den Einbruch am Tatort auf. Um neun Uhr war das Bankkonto gesperrt und um zehn waren die Schlösser ausgewechselt. Jetzt haben wir eine neue Hausordnung: Wer die Haustür nicht zweifach sichert, zahlt ein „Bußgeld“.

Eine Woche später überbrachte uns ein Kriminalbeamter in Zivil die Nachricht, die mutmaßlichen Täter seien gefaßt worden. Man hatte zwei drogensüchtige junge Männer dabei ertappt, wie sie am hellichten Tag ein paar Straßen weiter in ein Haus einbrechen wollten. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung fanden sich Belege von einem Videoverleih, auf denen mein Name angegeben war. Zwar können die Täter nicht wegen Einbruchs angeklagt werden, wohl aber wegen Besitzes von Diebesgut. Unser Einbruch geht nun als „aufgeklärt“ in die Statistik ein. Die Regel ist das jedoch nicht.

Die Zahl der Einbrüche in unserer Wohngegend ist im vergangenen Jahr um elf Prozent gestiegen. Meine Nachbarn zur Linken und zur Rechten haben schlimmere Erfahrungen als wir gemacht. Dem Popmusiker wurde die gesamte Musikausrüstung aus dem Keller geholt; er hatte geglaubt, ihn mit einem Eisengitter gut abgesichert zu haben. Die gestohlene Musikanlage fand er an einem Stand auf dem Portobello Market wieder. Bei dem anderen Nachbarn, einem leicht erregbaren Exoffizier, ist schon dreimal eingebrochen worden, darunter einmal nachts, während er schlief und sein Hund ihm zu Füßen lag. Über seinen Hund war er noch wütender als über den Einbrecher. Die Familie von gegenüber hat nach sechs Einbrüchen aus ihrem Haus ein Fort Knox gemacht.

Wer möchte schon so wohnen? Nun wollen sich die Nachbarn gegenseitig schützen. Seit 1983 gibt es eine nationale Schutzorganisation (National Neighbourhood Watch) mit über 100 000 Gruppen; eine davon ist in unserer Straße aktiv. Ein freiwilliger Koordinator hält die Verbindung unter den Mitgliedern und arbeitet mit dem Kriminalbeamten zusammen, der für unseren Bezirk zuständig ist und ins Haus kommt, um über Sicherheit zu beraten. Mit regelmäßigen Rundbriefen hält der Koordinator die Nachbarschaft über die neuesten Einbruchsmethoden auf dem laufenden.

Inzwischen fungieren die Mitglieder (an Fensteraufklebern zu erkennen) als Hilfssheriffs. Wir geben einander Bescheid, wenn wir wegfahren, sei es auch nur kurz, und lassen unsere Hausschlüssel bei Nachbarn. Einmal im Jahr feiern wir ein Fest, zu dem auch die Polizei eingeladen wird.