Von Claudia Steinberg

In der üppigen, ganz unverwunschenen Landschaft von Connecticut wohnen keine Hexen und Riesen, keine Kobolde oder wilden Kerle. Im Garten von Maurice Sendak wachsen weder Machandelbäume noch Alraunen, sondern rosa Pfingstrosen, Stiefmütterchen und ein koreanischer Dogwoodtree. Pastoraler Friede liegt in der Luft. Doch wenn man das 200 Jahre alte Haus des Illustrators und Autors betritt, der gerade seinen 65. Geburtstag feierte, ist zu spüren, daß hier die heile Welt aufhört und eine riskante und fabelhafte beginnt, eine straffreie Zone für anarchistische und finstere Phantasien.

Hier dürfen Kinder im Wolfspelz toben, hier kön- – nen Ratten größer sein als Menschen, hier ist ein Säugling imstande, seine Mutter zu verschlingen. Seine berühmten Monster, die sich mit ihrem satten, scharf be- – zahnten Grinsen an ihrer eigenen Unheimlichkeit freuen krude Mickey Mouse er allerdings verehrt und sammelt – in hundert verschiedenen Inkarnationen kommt sie in seinem Haus vor.

Animationsfilme und Comic strips hatten auf seine ästhetische Entwicklung ebenso großen Einfluß wie die Illustrationen von Randolph Caldecott oder Wilhelm Busch. Schon während seiner Schulzeit arbeitete Sendak als Phasenzeichner bei All American Comics und bildete sich an Amerikas populärer Folklore weiter, an King Kong und Laurel and Hardy. Seine einzige formelle Ausbildung zum Künstler bestand in Abendkursen bei der Art Student League, während er tagsüber als Schaufensterdekorateur arbeitete, zuletzt für den berühmten Spielzeugladen F.A.O. Schwarz. 1951 illustrierte er sein erstes wie ein fratzenschneidendes Kind vor dem Spiegel, sind überall präsent: als Zeichnungen, als Handpuppen, als Thema.

Maurice Sendak ist ein Komplize des neugierigen Kindes, ein Sympathisant des ungezogenen und ein Bewunderer des tapferen Kindes. Er selbst ist ein Enfant terrible aus Überzeugung und ein Advokat der undomestizierten Gefühle. Seit 1964 sein Buch „Where the Wild Things Are“ die liebliche Kinderbuchlandschaft erschütterte, ist Sendak mit den höchsten Ehrungen seiner Kunst ausgezeichnet und gleichzeitig zum genialen Kinderschreck dämonisiert worden.

Eigentlich ist er sehr freundlich. Nur gelegentlich ergreift ihn eine nicht zu besänftigende Ungeduld, wenn es nämlich um das „Kinderwunderland“ geht, in dem angeblich unschuldige, asexuelle Wesen niedliche und bezaubernde Dinge tun. Er schimpft auf das „Vorstädtische, Spießige“ eines Steven Spielberg und auf die Provinzialität des späten Disney, dessen erste Kinderbuch, „The Wonderful Farm“ von Marcel Ayme.

„Das Bedürfnis nach der Sentimentalisierung der Kindheit resultiert aus unserer eigenen Feigheit, aus unserer Angst vor Chaos“, sagt Sendak. Er selbst stammt „aus dem Lande Brooklyn“, dem „zerbrochenen Land“. Seine Schatzinsel war Manhattan – nicht unbedingt eine kindgerechte Idylle. Eine Seelenverwandtschaft verbindet ihn mit den Märchen von Grimm und Brentano, mit den Erzählungen von E.T.A. Hoffmann, dem er – wie auch Freud – die beste Kenntnis des Unbewußten zuschreibt. „Vor dem 19. Jahrhundert hatte man kein Konzept von Kindheit als einer speziellen Epoche in einem Menschenleben. Es schien nicht sinnvoll, weil so viele Kinder gleich nach der Geburt starben, und die Ökonomie der Gefühle gebot es, sie erst zu lieben, wenn sie die ersten Jahre überstanden hatten. Man drängelte sie so schnell wie möglich ins Erwachsensein, ins Überleben. Erst als medizinische und soziale Fortschritte die Kindersterblichkeit senkten, hat man die süße Kindheit erfunden und eine entsprechende Kinderindustrie entwickelt.“