Norbert Blüms Vorstoß, dem Zweimillionenheer ehemaliger SED-Mitglieder den Weg in die demokratische Parteien nicht länger zu versperren, ist wahrhaft historisch zu nennen. Die Verteilungskämpfe um die geläuterten Essis stehen unmittelbar bevor. „Wer bekommt die meisten und vor allem die besten ab?“, das ist die Frage Nummer eins. Ferner: „Wie soll es geschehen?“ Im Fall der CDU vielleicht durch öffentliche Massentaufe mit anschließender Parteiaufnahme. Bei der SPD durch Nachweis einer sozialdemokratischen Urgroßmutter. Aber was machen die anderen? Ungewöhnliche Lösungen müssen gefunden werden: Alle Casars und Caspars müssen in die CDU, die Siegfriede und Saskias in die SPD, die Ludwigs und Leilas zu den Liberalen und die Bertas, Brittas, Bertholds zu den Bürgerbewegten. Eine winzige Furcht bleibt. Die tüchtigen, moralisch empfindsamen einstigen Essis werden wohl abwinken, nach all der schweren Prügel, die sie schon bekommen haben. „Nie wieder in eine Partei“, hörte man schon viele sagen. „Ich bleibe besser, wo der Pfeffer wächst.“

Henning Pawel

in der „tageszeitung“ vom 20. Juli 1993