Im Umweltschutz brauchen wir ein Grundrecht, wie es Willy Brandt und Hans-Dietrich Genscher im Wahlkampf 1972 versprochen haben. Damit könnte man manche umweltrechtlichen Prozesse gewinnen, die heute noch verloren werden. Staatsziele verpflichten im Grunde zu nichts. Das Staatsziel Umweltschutz ist nur erfunden worden, um darüber hinwegzutäuschen, daß 1973 mit dem neuen Bundeskanzler Helmut Schmidt das Grundrecht gestorben war. Er interessierte sich nicht für solche Probleme, sondern hat in die Hände gespuckt, um das Bruttosozialprodukt zu vermehren.

Uwe Wesel in der Berliner Zeitung „Wochenpost“ zu der Frage, wie der Umweltschutz in unserer Verfassung verankert werden soll

Leo Ferré

Sein Habitus hat exakt gepaßt, schwarze Hose, schwarzes Hemd, weißer, allmählich schütter gewordenen Schopf, ein entschlossenes Gesicht – und eine unerschütterliche, unbeeinflußbare, ehrliche Haltung. So respektierten und liebten ihn die Existenzialisten in und über den Kellern von Paris, so sang er den protestierenden 68er-Studenten aus dem Herzen: Leo Ferré. 1916 in Monaco geboren, Sohn eines Spielcasino-Angestellten, gelernter Jurist, der einem Tip Edith Piafs folgte und Anfang der fünfziger Jahre nach Paris zog, war Ferré der Sänger der Barrikade, die verkörperte Überzeugung, dagegen sein zu müssen, ein exemplarischer Anarchist. Er war wunderbar in seinem Zorn, ein unbezähmbarer, ruppiger, eigenwilliger, aggressiver Poet, ein Sprachkünstler; zwar gehörte er nicht zu den begnadeten Sängern, aber er war ein hochmusikalischer Geist. Seine Vorbilder waren immer präsent: Villon und Verlaine, Rimbaud und Aragon. Chansonniers wie Gilbert Bécaud ließen sich Stücke von ihm schreiben, andere wie Montand und Trénet kamen mit ihm nicht zurecht. Vorige Woche ist er, von der Öffentlichkeit tagelang unbemerkt, in Chianti, wo er seit langem gelebt hatte, gestorben, 77 Jahre alt. Es ist wohl typisch, daß dem Freigeist Ferré nicht nur Jack Lang, sondern auch Präsident Mitterrand ein ehrendes Angedenken gewidmet hat. Fans werden sich seiner erinnern: „La solitude“, „Avec le temps“, „Bœuf sur le toit“ oder „Paris Canaille“, „Mon général“ und „Franco la muerte“. Seine beste Schallplatte hieß „Amour Anarchie“, seine ehrgeizigste Komposition ist ein Oratorium, das er über Apollinaires „Chanson du Mal-aimé“ geschrieben hat. In allem, was er getan und unterlassen hat, war er sich selber treu.

Aus für den „Alltag“

Wenigstens 1 Thränchen. Traurig geben wir dem verehrlichen Publico das Ende der unregelmäßig, aber immerhin 16 Jahrgänge lang erschienenen Zürcher Zeitschrift Der Alltag kund und zu wissen. Gegen den Mitte der Siebziger noch kurrenten „Holzschnittmarxismus“ setzten der Verleger Walter Keller (Zürich) und sein kooptierter Redakteur Michael Rutschky (Berlin) die „Kunst der soziologischen Feinmalerei“. Der Alltag wußte es erfreulicherweise nicht mehr so genau wie seinerzeit die KPD/ML-Dorfschulmeister, suchte und fand statt der Welterklärung „Sensationen des Gewöhnlichen“, erzählte fröhlich unsystematisch und chaotisch, aber immer auf der Höhe der Zeit. Die zünftige Soziologie wußte nie, was beginnen mit Themenheften wie „Herzblut“, „Tiere“, „Klatsch“ und, o ja, „Arbeit“. Die stramme Kulturkritik rümpfte die Nase über das verschwenderisch-spartanische Druckbild und die großzügigen Photos (grundsätzlich schwarzweiß). Ein Rätsel, wie Verleger Keller diese edlen Hefte finanziert hat, oder doch keins: Das große Geld half, die internationalen Galerien, die sich seine zweite Zeitschrift Parkett auf den Kaffeetisch legten. Jetzt ist der Kunstmarkt eingebrochen, und der Alltag fällt mit hinein ins Loch. Aber so ist die Welt, so grausam, und auch das ist leider Alltag.