Die Inder haben die Null in die Mathematik eingeführt. Otto Piene, Heinz Mack und Günter Uecker haben Zero in der Kunst auf den Begriff gebracht. Der Beuys-Biograph Heiner Stachelhaus hat nun die Geschichte der „Gruppe, die keine sein wollte“, geschrieben, von den Düsseldorfer Anfängen der ersten Abendausstellung in Pienes Hinterhof-Atelier 1957 bis in die Gegenwart. Es ist das Buch eines kritischen Freundes der Künstler, die er, zustimmend und widersprechend, ausführlich zu Wort kommen läßt. Das gibt dem gut lesbaren Text ein hohes Maß an Authentizität, zumal auch alle drei Protagonisten des Wortes mächtig sind. Sie verklären die kurze gemeinsame Vergangenheit nicht und scheuen sich keineswegs, gravierende Gegensätze pointiert zu formulieren. So attestiert der sonst eher freundliche Uecker Macks frühen Land-art-Projekten in der Sahara oder im Eismeer schlicht „Kulturkolonialismus“; so spricht Mack wiederum davon, daß Pienes programmatischer „neuer Idealismus“ den Zielen von Zero mehr geschadet als genützt habe, während Piene sich revanchiert, indem er Mack bescheinigt, bei ihm sei eben dieser Idealismus in „puren Utilitarismus abgeglitten“. Man sieht: Die drei tun einander nicht schön, sie verschweigen nicht die Konflikte, die von Anbeginn in den höchst widersprüchlichen Naturen des Heinz Mack, in Hessen geboren, im Rheinland aufgewachsen, des Westfalen Piene und des von der mecklenburgischen Landschaft und von der DDR-Jugend geprägten Uecker angelegt waren.

Die drei haben auf den Spuren von Yves Klein und Lucio Fontana weltweit viel in Bewegung gebracht: in Italien die Gruppen n und t, in Frankreich die Groupe de Recherche d’Art Visuel, in den Niederlanden Nul, im fernen Japan die Gruppe Gutai. Was die Düsseldorfer und ihre externen Freunde miteinander verband, war die Ablehnung der Endspiel-Melancholie und der expressiven Gestik informeller Malerei, der Protest gegen den künstlerischen Nachkriegspessimismus. Zero setzte ihm eine zukunftsgewisse „demokratische“ Kunst aus gleichwertigen Bildelementen ohne formale oder thematische Hierarchien entgegen: mit den Elementen Licht und Schatten, Ruhe und Bewegung zum Beispiel. Die frühen Gemeinsamkeiten waren aber längst erschöpft, als 1966 mit dem „Begräbnis auf Rolandseck“ die offizielle Auflösung stattfand. Aus heutiger Sicht, auch das dokumentiert der Autor im Gespräch mit den Künstlern, gibt es auf den ersten Blick kaum mehr Berührungspunkte zwischen Pienes unverändert optimistischer „Sky Art“, den Lichtsäulen von Mack und den von tiefer Skepsis geprägten Asche-Visionen des Außenseiters Uecker. Auf den zweiten Blick läßt das Buch erkennen, daß alle drei gleichwohl den eigenen Anfängen treu und – auf freilich sehr verschiedene Weise – Utopisten geblieben sind: der schwärmerische Visionär Piene, der schönheitsgläubige Mack und selbst der – bisweilen dunkel raunende – Zeitkritiker Uecker, der, gar nicht so weit weg von Beuys, Magie und Ratio miteinander zu verbinden versucht.

So werden im Rückblick aus Avantgardisten von gestern Künstler, deren Position sich heute mit jener vergleichen läßt, die der junge Ernst Krenek seinem Wiener Übervater Karl Kraus zuerkannte: „Radikalität im Konservativen“. Daß Piene etwas radikaler als Mack und Uecker viel radikaler als beide geblieben ist, ändert daran nichts.

Stachelhaus hat diese Situation und die Wege dorthin sachlich und präzise beschrieben. Nur an einigen Stellen verführt ihn seine lebenslängliche Begeisterung für Zero zu ornamentalem Pathos. Im übrigen hat sein Buch ähnliche Vorzüge wie sein „Volksbuch von Beuys“: hohen Informationswert und Anschaulichkeit bei Verzicht auf ambitionierten Fachjargon. Was man sich im Anschluß an die Lektüre wünscht, wäre nun eine zusammenfassende Darstellung des internationalen „Radius Zero“, zu dem die Düsseldorfer Gruppe ihren inspirierenden Beitrag geleistet hat.

Karl Ruhrberg

  • Heiner Stachelhaus:

Zero

Econ Verlag, Düsseldorf 1993; 296 S., Abb., 58,– DM