Von Rainer Frenkel

Düsseldorf

Er hatte von seinem General nur das Beste zu erzählen, was immer man ihn fragte. Nun, da es keine Fragen mehr gibt, nähert er sich seinem Vorbild. Offenkundig erfreut und ein wenig verlegen. Der Schritt wird stramm, der Händedruck fällt männlich aus. Das Auge ist klar. „Guten Tag. Wie geht es Ihnen. Ich wünsche alles Gute.“ Weggetreten.

Szenen wie diese sind gegenwärtig vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht in Serie zu erleben. Und sie sind nur vordergründig verblüffend. Denn die ehemaligen Mitarbeiter des Generals, die vom Vorsitzenden Richter Klaus Wagner als Zeugen gehört werden, sind allesamt Spione, Schicksalsgenossen. Sie sitzen oder saßen im Gefängnis oder warten auf ihr Urteil. Und der Angeklagte, dem sie gefragt oder ungefragt ein so gutes Zeugnis ausstellen, ist Markus „Mischa“ Wolf.

Der Mann, der zwei Nachkriegsgenerationen lang Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im DDR-Stasi-Ministerium war, Vertreter des verhaßten Erich Mielke. Der General Markus Wolf hat die Dienste all dieser Männer und Frauen oft jahrzehntelang genutzt. Und er hat es verstanden, auch private Bande zu knüpfen. Nun sind die Lebensläufe seiner Kundschafter gebrochen, so wie es auch der seine ist. Die Freundschaften aber nicht?

Markus Wolf ist als Landesverräter angeklagt. Ihm wird ein Verbrechen vorgeworfen, das weltweit seit eh und je für Filmstoff sorgt, gegenüber dem jeweils anderen Land gebräuchlich ist und nur dem eigenen gegenüber geächtet wird. So hat der einstige DDR-Spionagechef denn auch gefragt, welches Land er wohl verraten habe und wie bei Gleichheit vor dem Gesetz zu erklären sei, daß der frühere BND-Chef Klaus Kinkel heute als Außenminister amtiere, während er, Wolf, vor Gericht stehe.

Das Berliner Kammergericht hat diesen Zwiespalt gesehen und deshalb den Fall des Wolf-Nachfolgers Werner Großmann gar nicht erst verhandelt, sondern den Karlsruher Verfassungsrichtern vorgelegt. Doch diese und andere juristische Fragwürdigkeiten fechten den Düsseldorfer Senat nicht an. Der Vorsitzende Klaus Wagner, der sich rühmt, mehr als 120 Ostspione verurteilt zu haben, gibt den großen Fisch, den er an der Angel hat, nicht wieder her. Er konstatiert lediglich eine „scheinbare Ungleichbehandlung“. Klaus Wagner ist aufgerufen, Sühnezeichen zu setzen.

Überdies ist die Beweislage klar. Markus Wolf bestreitet nichts. In den ersten 24 Verhandlungstagen hat sich deshalb wenig ereignet. Wagner sucht nicht nach neuen Beweisen. Er läßt die Zeugen nur selten im Zusammenhang reden, liest aus den von der Bundesanwaltschaft zusammengestellten Akten, fragt, ob alles so richtig sei. Meist ist es das. Nichts Neues in Düsseldorf also. Aber das Alte hat seine Reize: Begegnungen mit dem verstummten Angeklagten, Wiederbegegnungen unter nicht konspirativen Bedingungen, Spione unter sich, in aller Öffentlichkeit.

Nacheinander treten sie auf, Zeugen nicht nur des Prozesses, Zeugen auch des Kalten Krieges, der in diesem Saal fortgesetzt wird. Es ist der Saal A 01, den die Justiz 1975 abhörsicher eingerichtet hatte, um gegen Günter Guillaume standesgemäß verfahren zu können. Auch der war wieder da, ebenso wie die Brüder Alfred und Ludwig Spuhler, wie Gabriele Gast, Johanna Olbrich alias Sonja Lüneburg – allesamt ehemalige Stars der Szene.

Zur Besichtigung freigegeben ist eine beachtliche Typenvielfalt von Spionen. Der coole, harte Typ aber, der für Geld alles oder alles für Geld tat, war nicht darunter. Und so verschieden sie voneinander sind, angetrieben wurden sie alle von ideellen, von politischen Motiven. So sagen sie, und man mag es glauben. Zudem eint sie der anhaltende Respekt vor Markus Wolf, eine freundschaftliche Verbundenheit, die sie je nach Selbstbewußtsein mehr oder weniger scheu bezeugen. Wenn sie konspirative Fehlleistungen eingestehen müssen, entschuldigen sie sich bei Wolf, bedrückt wie erwischte Kinder. Schauen sie ihn dabei an und treffen sich die Augen, dann nickt Wolf kurz und freundlich. Vergeben! Ist ja auch sowieso nicht mehr zu ändern. War aber auch wirklich nicht so schlimm.

In solchen Augenblicken kleinbürgerlicher Verzagtheit löst sich, körperlich spürbar, Spannung. Die ist für manche, vor allem für die Frauen und da besonders für Gabriele Gast, offenbar schwer zu ertragen. Wie von einem schweren Krampf gefesselt sitzt sie da, unbeweglich, mit eingezogenen Schultern, leise vor sich hin redend. Nicht einmal mehr ihre Beine können nervös wippen.

Über Wolf, der doch daneben sitzt, wird naturgemäß in der dritten Person gesprochen, natürlich kann das nicht wirken. Die meisten Zeugen nennen ihn noch den General Wolf.

Wolf scheint das gar nicht wahrzunehmen. Er sitzt da und schreibt und schreibt mit seiner linken Hand. Häufig spürt er nicht einmal die Es-wardoch-so-Blicke seiner früheren Untergebenen, die es, zumeist, immer noch gern wären. Sie würden gern mit ihm reden, so reden sie eben über ihn, auch wenn Klaus Wagner daran kaum Interesse zeigt. Für ihn ist der Fall gelaufen.

Allein Gabriele Gast paßt nicht in die Riege. Sie ist, von der Justizvollzugsanstalt München „beurlaubt, um hier zu erscheinen“, eines der berühmten Romeo-Opfer. Verstrickt in eine Liebesaffäre, noch nicht fertig, damit. Eine kluge, um Beherrschung ringende Frau, die nur noch nach vorn sehen will, „sonst stoße ich vor eine Wand“. Aber hier muß sie nach hinten sehen, sich fragen, ob die geschilderte Freundschaft mit Wolf vielleicht „doch nur Quellenpflege“ war. Sie war als Politologin in die DDR gereist, wollte dort die Rolle der Frau im Sozialismus studieren und hat sie dann am eigenen Leibe erfahren.

Die anderen packen bereitwillig aus, reden dabei natürlich am liebsten über edle Motive. Johanna Olbrich, einst Sekretärin des ebenfalls verdächtigen, 1987 verstorbenen FDP-Politikers William Borm und später von Martin Bangemann, erklärt energisch, sie habe helfen wollen, Kriege zu verhindern. Alfred Spuhler, der es beim BND nur zum Hauptmann, in der NVA aber zum Oberstleutnant brachte, stand der DKP nahe und hält die Behauptung von der militärischen Überlegenheit des Ostens für „eine der Lügen des Jahrhunderts“.

Der größte unter ihnen, wenn auch wohl nicht der konspirativ wirkungsvollste, ist Günter Guillaume. Erst kommt er, grau und alt geworden und voll selbstbekundeten Herzeleids, in den Saal gestolpert. Aber nach und nach wird er warm vor einer Kulisse, die ihm wohl zum letzten Mal geboten wird. Er hat geglaubt, „als Kriegsteilnehmer etwas wiedergutmachen zu müssen“. Es sei eine „politische Aufgabe“ gewesen. Er sei Willy Brandt, bis in dessen Kanzleramt er schließlich vorgestoßen war, und Markus Wolf gleichermaßen verbunden gewesen. Daß Brandt über ihn gestolpert sei, will er allenfalls körperlich begründet sehen: „Mir war klar, daß ich der Knüppel war für Leute, die Willy Brandt aus dem Amt jagen wollten.“

Das ist die Stunde von Johann Schwenn, einem der beiden Verteidiger von Wolf. Schwenn ist gar nicht der geläufige Typ eines Strafverteidigers, der vor allem auf Selbstdarstellung achtet. Darum hört man ihm zu, es lohnt sich. In einem Beweisantrag fordert er, Klaus Kinkel zu laden, damals, 1973, Büroleiter des Innenministers Hans-Dietrich Genscher. Kinkel habe noch vor Brandts Norwegen-Reise im Juli 1973 von Günther Nollau, dem damaligen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, erfahren, daß Guillaume der Spionage verdächtig war. Auch Genscher war informiert, wie Nollau in seinem Buch „Das Amt“ schreibt. Kinkel selbst habe dies 1974, in einer rückdatierten Notiz, festgehalten. Warum wurde Guillaume dennoch auf die Reise mitgenommen, wo er zum ersten Mal wirklich Geheimnisträger wurde. „Völliges Unvermögen“ oder „die Absicht ... Dritter“, Brandt zu schaden?

Als Kinkel von dem inzwischen angenommenen Antrag erfährt (auch Genscher soll nun erscheinen), schickt er ein Fax an Schwenn: „... Ich bitte Sie, mir bis heute mittag den genauen Text ... zuzuleiten.“ Er läßt sein Büro, Beamte des Auswärtigen Amtes, den renommierten Strafverteidiger Schwenn drängen. Doch Schwenn lehnt ab, noch war der Antrag nicht beschieden. „Daran vermögen weder Ihr (wiederholt) ... belegtes Interesse noch dessen einem Verteidiger gegenüber unpassende Bekräftigung (,Der Minister erwartet heute abend unverzüglich ...‘) etwas zu ändern.“

Warum ist Klaus Kinkel so nervös?