Von Carl D. Goerdeler

Rio de Janeiro

In der mit Blattgold überladenen Klosterkirche von São Bento lauscht Rios feine Gesellschaft einer Sonate von Antonio Vivaldi; 200 Meter weiter spritzen die Müllmänner Blut vom Bürgersteig. Wenige Stunden zuvor hatte dort eine Todesschwadron acht schlafende Straßenkinder erschossen.

Inzwischen sind drei der mutmaßlichen Mörder – alle Polizeibeamte – gefaßt. Die politisch Verantwortlichen hingegen befinden sich weiterhin auf freiem Fuß. Doch so schnell, wie sie die Spuren auf dem Straßenpflaster wegspülen lassen, werden sie sich diesmal nicht reinwaschen können. Denn seit dem vergangenen Wochenende weiß endgültig alle Welt: Ein Menschenleben ist in Brasilien immer weniger wert.

Lange vor dem jüngsten Massaker hatten Organisationen wie amnesty international und Unicef wiederholt die Gleichgültigkeit der brasilianischen Behörden gegeißelt. Gebessert hat sich nichts. Weiterhin werden jede Nacht in Brasilien durchschnittlich vier Kinder oder Jugendliche von bezahlten Killern hingerichtet: 1992 starben allein in Rio de Janeiro 424 Minderjährige im Kugelhagel der Todesschwadronen. In diesem Jahr zählte die Stadt bereits 320 neue Opfer.

Die Opfer vom vorigen Freitag – acht Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 22 Jahren – hatten unter den Arkaden der Bankpaläste und Büros im Zentrum Rios ihr Lager aufgeschlagen; unter Plastikplanen und Pappkartons schliefen dort beinahe fünfzig Jugendliche. Kurz nach Mitternacht stoppten zwei Autos am Straßenrand, sechs bewaffnete Männer sprangen heraus und feuerten mit ihren Pistolen wahllos auf die am Boden liegenden Straßenkinder. Einige Jugendliche versteckten sich und konnten sich retten.

Der 22jährige Wagner dos Santos überlebte mit einer Kugel im Hals; er konnte die Täter genau beschreiben. Als Kronzeuge bangt er nun weiter um sein Überleben. "Queimar archivo" – "Archive zu verbrennen", also lästige Zeugen schlicht zu töten, ist Teil der alltäglichen Gewalt in Brasiliens Städten. Deshalb fordern Menschenrechtsorganisationen nun besonderen Schutz für Wagner und seine entronnenen Freunde. "Die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mag vielleicht anderswo noch schlimmer sein; aber so viele Opfer wie hier machen Brasilien zu einem besonderen Fall", so der Unicef-Beauftragte Agop Kayayan.