Nun ist für die Bundesbürger die Welt der Währungen wieder in Ordnung: Die Mark ist in Europa wieder stark, und die Bundesbank hat die europäische Zinsführerschaft zurückgewonnen – die Deutschen, die noch vor wenigen Wochen um ihre Mark bangen mußten, sind wieder wer.

Ist aber wirklich alles so, wie es sein soll? Reihum wurden in jüngster Zeit immer neue Abwertungskandidaten in Europa von Schwächeanfällen getroffen. Vor allem der französische Franc geriet unter starken Abwertungsdruck, und das, obwohl die Franzosen noch vor kurzem glaubten, die Mark bereits als Ankerwährung im Europäischen Währungssystem (EWS) abgelöst zu haben. Der Szenenwechsel ist um so überraschender, als sich die fundamentalen volkswirtschaftlichen Daten kaum geändert haben. Selbstverständlich gibt es für die Schwäche des französischen Franc Erklärungen: die rapide steigende Arbeitslosigkeit in Frankreich, die gewaltige Insolvenzwelle, von der immer mehr Unternehmen des Landes erfaßt werden, ein Mangel an Vertrauen in die wirtschaftspolitische Führungskunst und die pessimistischen Prognosen über das Ausmaß der Rezession. Dies war aber alles auch schon vor vier Wochen bekannt, und die für den Wechselkurs wichtigsten Daten, die damals die Stärke des Franc begründeten, haben sich ebenfalls nicht geändert. Weder die Teuerung, die weitaus geringer ausfällt als in Deutschland, noch die Leistungsbilanz rechtfertigen den Kursverfall.

Der Mark mangelt es an Härte

Ähnliches gilt umgekehrt für die Mark, die zwar im EWS stark geworden ist, aber beileibe nicht hart. Denn auch heute noch trifft zu, was die britische Times in übertriebener Schadenfreude dazu verleitet hat, die Mark gleich zur „schwächsten Währung der Welt“ und die Bundesbank zur „Zielscheibe des Spotts an den internationalen Finanzmärkten“ zu erklären. Nach wie vor haben die Deutschen unter den wichtigen Industrieländern die zweithöchste Inflationsrate, nach wie vor verfehlt die Bundesbank ihr Geldmengenziel bei weitem; der Staat türmt weiterhin Schulden über Schulden auf, und in keinem großen Industrieland schrumpft die Wirtschaft in der gegenwärtigen Krise so stark wie in der Bundesrepublik. Der Lichtschimmer, den manch einer am deutschen Konjunkturhimmel entdeckt, ist zur Zeit noch nicht mehr als ein Hoffnungswert. Daß es der Mark an Härte mangelt, machen die Kursverluste gegenüber Dollar und Yen an den internationalen Devisenbörsen deutlich.

Unabhängig von der Entwicklung der volkswirtschaftlichen Daten kam es in den vergangenen zehn Monaten immer wieder zu neuen Unruhen im Europäischen Währungssystem. Sie zeigen, daß sich das EWS in einer Dauerkrise befindet. Der Fehler steckt im System. Ein paar nur halbwegs plausible Argumente reichen aus, gegen einzelne Währungen Spekulationswellen in Gang zu setzen. Gegen die gewaltigen Summen, die den professionellen Geldhändlern aus aller Welt zur Verfügung stehen, um in Währungskrisen den schnellen Schnitt zu machen, sind die Notenbanken mit ihren Interventionen weitgehend machtlos. Und die Zinsen sind auf Dauer kein gutes Instrument zur Verteidigung der Wechselkurse – auch wenn die schon lange vor der jüngsten Sitzung des Zentralbankrats vorgebrachten Forderungen nach einer erneuten Senkung der deutschen Zinsen durchaus berechtigt waren. Wie untauglich das Instrument sein kann, zeigt das Beispiel Frankreich. Um die Abwertungsspekulation abzuwehren und Anlage in Franc attraktiv zu halten, wurden die Realzinsen auf einsame Rekordhöhen getrieben, obwohl zur Ankurbelung der Konjunktur genau das Gegenteil erforderlich gewesen wäre.

Die Währungsunruhen haben in Europa im gleichen Ausmaß zugenommen, wie die Skepsis an der Verwirklichung der Europäischen Währungsunion gewachsen ist. Es ist ein merkwürdiger Prozeß: Obwohl die Ratifizierung des Maastricht-Vertrags inzwischen unter mehr oder weniger großen Mühen in allen EG-Staaten abgeschlossen wurde (nur noch die Richter in Karlsruhe und London können den Vertrag stoppen), glauben in der Bevölkerung und im Geldgewerbe immer weniger an das Zustandekommen der Währungsunion. Nur wenn die Regierungen wieder für die Glaubwürdigkeit ihrer währungspolitischen Ziele sorgen, kehrt auch an der Währungsfront Ruhe ein.