Die Schwester von Mary Lou sieht genauso aus wie Mary Lou, und diese sieht genauso aus wie ihre Schwester. Sind sie Zwillinge? Kann sein, oder auch nicht. In jedem Fall aber sind sie Klischees. Einzeln, doppelt und überhaupt. Klischees der Attraktivität, knapp konturiert, dreifarbig monochrome Köpfe vor monochromem Hintergrund. Den Kopf so in den Nacken gelegt, daß die Wimpern sich wie von selbst über die Augen senken, die Lippen sich halb öffnen, der Hals zur makellosen Kurve wird. Ein Hauch von einfacher Verruchtheit.

John Wesley, der Portraitist der beiden Mary Lous, die auch ein Plakat sein könnten oder ein Segment aus einem Comic, malt seit dreißig Jahren die fast immer gleichen Bilder im immer gleichen Stil: flach, alltäglich, banal, dabei leicht aufgeladen. Die kleine Spannung, die in diesen Bildern hart unter der Oberfläche liegt, kommt aus dem ewigen Vorrat der Erotik. Manchmal wird mit dem Motiv gezündelt, manchmal sitzt der Widerhaken in der Art, wie das Bild angeschnitten ist, manchmal liegt die Pointe im Insistieren der Wiederholung, der Sequenz. Platitüden mit Hintersinn, Oberflächenbilder mit einem feinen Haarriß.

John Wesley, Amerikaner, Jahrgang 1928, der als technischer Zeichner bei der Firma Northrop Aircraft begonnen hatte und in den siebziger Jahren so gut in die Szene der Pop-art zu passen schien, was auf der documenta 1972 mit acht Bilden vertreten, dann lange Jahre kaum in Europa zu sehen. Jetzt feiert Deutschland kleinstes Ausstellungsfertighaus (dessei Programm sich umgekehrt proportiona zur Quadratmeterfläche verhält), jetzt feiert der Frankfurter Portikus seine fünfzig ste Ausstellung mit Bildern von Job Wesley. Happy birthday, haucht Markt Lou. Und die Schwester? Ja, wie gut, daß man sich auf Klischees noch verlasse! kann. (Portikus bis zum 15. August, Kata log 38,– Mark) P. K.