Von Eckhard Roelcke

Die Schlacht der Gefühle beginnt ganz einfach. Noch während des Vorspiels öffnet sich der schwere und altmodische Wagner-Vorgang – und man sieht fast nichts: ein milchfarbenes Rechteck auf einem Zwischenvorhang. Doch das Sehnen und Wallen, das Drängen und Stocken der Musik, die bekannten rätselhaften dissonanten Akkorde und all die Vorhalte stimulieren das Auge. Je länger man auf dieses monochrome Bild starrt, desto mehr scheinen sich die Konturen zu bewegen. Die Farbe beginnt zu flimmern. Doch die Sinne werden getäuscht, denn in Wirklichkeit passiert nichts. Alles Trug und Wahn.

Die Schlacht der Gefühle geht ganz schmucklos weiter – in einem leicht nach vorne gekippten Bühnenkasten. Fast an der Rampe die Welt von Isolde und Brangäne – ein Quadrat, das in den leicht ansteigenden Boden eingelassen ist. Und auch Tristan und Kurwenal haben, weit hinten, Platz in einem nur kleinen Quadrat. Zwei Welten, die sich gleichen und doch unendlich voneinander entfernt sind. Irgendwo verläuft eine Grenze, aber die ist unsichtbar.

Ein Rechteck und ein Kasten: Das Bühnenbild von Erich Wonder ist an Abstraktion kaum zu überbieten. Keine Segel und keine Masten, kein Bug und kein Heck, kein Naturalismus also, sondern Geometrie total. Im ersten Aufzug liegen rechts und links zwei schmale Rechtecke aus Glas auf dem Boden, in denen sich schwappendes Wasser spiegelt. Das reicht, um die Geschichte von Tristan und Isolde in Gang zu bringen. Ein Gazevorhang schließt diesen Bühneneinheitskasten zum Zuschauerraum hin ab, der Blick bleibt unentwegt getrübt, das ohnehin spärliche Geschehen rückt in eine imaginäre Ferne: Tristan und Isolde nähern sich langsam wie in Trance und schälen sich aus ihren vornehmen Mänteln.

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Wenn man als Bayreuth-Neuling in den Tagen vor der Eröffnung der Festspiele hinter die Kulissen schaut (schauen darf!), die Generalprobe des Tannhäuser etwa aus der Lichtregie und aus der Warte des Inspizienten verfolgt; wenn man durch die Gänge wandelt und in die Garderobe blickt, die immer für Isolde reserviert war und immer sein wird; wenn man die straffe Organisation des Hausherrn Wolfgang Wagner ahnt und seine Allgegenwart spürt; wenn man in der Kantine ein Pfefferhacksteak bestellt und einen Pfefferminztee bekommt; wenn man Stunden auf einem der berühmt-berüchtigten Bänkchen in einer der Mittellogen gesessen ist; wenn man in den Pausen der Generalproben den Wagnerianern zu ihren Autos auf den großen Parkplätzen hinter dem Festspielhaus folgt und beobachtet, wie sie Piccolos aufschrauben und Stullen kauen; wenn man auf der (Herren)Toilette für „Händewaschen mit Seife und frischem Handtuch“ sechzig Pfennig entrichtet hat..., dann hat man schon viel von der Genialität des Ortes erfahren, aber, natürlich, wenig über das Werk von Richard Wagner. Aber warum sollte man hier mehr lernen als in einer gut sortierten Bibliothek? Nur über Jesus von Nazareth gibt es mehr Sekundärliteratur.

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