Von Wolfgang Blum

Exakt beobachtet ist halb erforscht. So könnte das Motto des Göttinger Instituts für den Wissenschaftlichen Film lauten: Seine Mitarbeiter filmen für die Forschung. Was auf Zelluloid gebannt ist, läßt sich vor- und zurückdrehen und immer wieder betrachten. Häufig entdeckt der Wissenschaftler dabei Einzelheiten und Zusammenhänge, die einer Live-Beobachtung verborgen blieben. „Wir machen etwas sichtbar, was sonst nicht zu sehen wäre“, sagt Reinhard Klose, Referent für Medizin im Göttinger Institut. Ein paar Beispiele:

  • Auf der Leinwand tanzen Tropfen. Zu sehen ist das sogenannte Leidenfrost-Phänomen: Fallen Wassertropfen auf eine heiße Herdplatte, verdampft ihre Unterseite sofort, der Rest schwebt auf der entstandenen Dampfschicht. Je nach Fallhöhe und Temperatur der Platte verformen sich die Tropfen und springen oder rollen, bis sie schließlich explosionsartig verdampfen.
  • Majestätisch schwimmt eine Kompaßqualle vorbei. Mit ihren langen weißen Tentakeln und Mundwerkzeugen sieht sie aus, als hätte sie ein Hochzeitskleid an. Bis in die kleinste Bewegung läßt sich verfolgen, wie das schwabbelige Meerestier vorwärts kommt, wie es mit seinen Tentakeln kleine Fische fängt und zum Mund führt.
  • Eingeborene reißen ein Haus aus Schilfrohr ab, tragen neues Schilf zusammen und basteln sich eine andere Hütte. Die Angehörigen des Mapuche-Stammes in Neuguinea müssen sie an einem Vormittag fix und fertig aufstellen, denn nachmittags regnet es in ihrer Gegend meistens stark.

Die Wissenschaft kann aus allen drei Streifen etwas lernen. Aber häufig reichen gewöhnliche Filmaufnahmen nicht aus. Erst die Tricks der Filmtechnik verschaffen die nötige Einsicht. Makroobjektive pusten das Forschungsobjekt auf. Genügen sie nicht, blickt die Kamera durch ein Mikroskop. Eine menschliche Zelle kann dann die ganze Leinwand füllen. Das Wachsen einer Pflanze oder andere Szenen, die im Schneckentempo verlaufen, werden im Zeitraffer zu spannender Action. Umgekehrt dehnen spezielle Aufnahmegeräte die Zeit hundert- oder gar tausendfach. Ein Beispiel: Auf der Leinwand ist ein Vulkan zu sehen, auf dem Kopf stehend. Aus dem Krater blubbert langsam die Lava heraus, nach unten. Doch hat weder der Vorführer den Filmstreifen falsch eingelegt, noch ist der Projektor kaputt. Der Film zeigt nämlich gar keinen Vulkan, sondern – in Nahaufnahme – die Spitze eines Gerätes zum Lichtbogenschweißen, aus der flüssiges Metall hervorschießt. Mit bloßem Auge ist nicht nachzuvollziehen, was beim Schweißen eigentlich vor sich geht. Der Film vergrößert nicht nur die Schweißelektrode, sondern zeigt alles vierhundertmal verlangsamt. Nun erst kann der Betrachter den Fluß des Schweißmaterials verfolgen und daraus schließen, wie die Form der Elektrode, die verwendete Spannung und das Material des Kerndrahtes verbessert werden können.

Rund zwanzig Stunden Film produziert das Göttinger Institut jährlich, neben Forschungsfilmen auch Unterrichtsfilme für die Hochschule. Die Themen stammen von Wissenschaftlern, die als Autoren für die Inhalte verantwortlich sind. Wer wissenschaftliches Kino braucht, wendet sich an einen der gut zwanzig Referenten des Institutes, die ihre Ideen mit Hilfe der Techniker, Cutter und Kameraleute filmisch umsetzen. Für die Forscher ist dieser Service kostenlos. Bund und Länder finanzieren den Zwölf-Millionen-Mark-Etat des gemeinnützigen Institutes.

Leicht ist der Umgang mit den Forschern nicht. „Wir vereinfachen die Zusammenhänge“, sagt Reinhard Klose, „und die verkomplizieren sie.“ Er beneidet daher manchmal Filmemacher, die für das Fernsehen arbeiten. Bei denen kommt es nicht

so sehr auf Genauigkeit an.