Von Rainer Schauer

Keineswegs in einer ärmlichen Hütte kam er am 31. Juli 1843 zur Welt, der Waldbauernbub Peter Rosegger, sondern in einem stattlichen Bauernhof. Einst gehörten zu dem Haus, dessen geschindeltes Walmdach und Balkenwände von Sonne, Wind und Regen braunschwarz gegerbt sind, 34 Hektar Wald, Acker und Wiesen. Franz Leitner, der Hüter und Verwalter des vorderen Kluppeneggerhofs, hegt eine romantisch verklärte, einsame, aber sorgfäl-’ tig renovierte Idylle auf einer Waldlichtung, 1200 Meter hoch über dem Meeresspiegel, in Alpl, Steiermark.

Von hier aus geht der Blick in allen Richtungen über die schier endlosen Waldhügel und -berge, die sich bis zum Horizont wellen und wo sich hinter den Regenwolken die nordsteirischen Kalkalpen in den Himmel wuchten. Wald, nichts als eintönig grüner, fast lückenloser Wald.

Für dieses „größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas“ (Werbung) ist die Person Peter Rosegger unbestritten der beste touristische Magnet. Mit seinen Heimatromanen hatte er den dunklen Tann bereits Ende des vorigen Jahrhunderts für die Wiener Stadtleute erschlossen. Seine berühmtesten Bücher heißen: „Als ich noch der Waldbauernbub war“, „Waldheimat“ und „Die Schriften des Waldschulmeisters“. Einen „Simmel des 19. Jahrhunderts“ hat ein Kritiker den steirischen Nationaldichter genannt, der so schrieb: „Die Auen aber, auf denen der Waldbauernbub die Schafe geweidet ... die Gründe all, die durchdrungen sind von dem Schweiße des Vaters und der Thräne der Mutter – sie werden in wenigen Jahren überwoben sein mit dem grünen, heiligen Schleier des Waldes...“

Es ist dieser ewig rauschende Wald, diese von Rosegger erfundene „Waldheimat“, die jetzt zum geographischen Begriff geworden ist. Mit diesem quasireligiösen Waldgefühl stehen sich aber auch der Dichter und viele seiner Interpreten selbst im Wege. Denn vor lauter Bäumen sehen Touristen und Einheimische den anderen Rosegger nicht mehr: den leidenschaftlichen Sozialkritiker und nachforschenden Journalisten, den genau beobachtenden Zeitzeugen vor allem, dem sich in diesem Sommer drei vorbildlich aufbereitete Ausstellungen in Birkfeld, St. Kathrein am Hauenstein und in Krieglach ausführlich widmen.

Aber allein die touristischen Veranstaltungen rund um diese steirische Landesausstellung 1993 lassen vermuten, daß Rosegger weiterhin ausschließlich – und erfolgreich – als Poet der Natur und des „Hoamatl“, der Heimat, vermarktet werden wird. So ist es denn im Sinne des Fremdenverkehrs richtig, Rosegger-Wege anzulegen, Rosegger-Freundschaftskrüge zu verkaufen, Rosegger-Lesungen abzuhalten, Rosegger-Wanderungen durchzuführen, Rosegger-TV-Serien zu wiederholen, Rosegger-Tellergerichte zu servieren und am 30. Juli „Höhenfeuer am Vorabend zum Geburtstag des Dichters“ zu entzünden.

Darüber gerät allerdings zu leicht in Vergessenheit, daß Rosegger in seiner politischen Monatsschrift Heimgarten eben dieses Hoamatl auch anders als aus der idyllischen Perspektive beschreiben konnte. Rosegger schilderte das drückende Los der ausgebeuteten Industriearbeiter, warnte fast prophetisch vor den Gefahren einer hemmungslosen Industrialisierung seiner Heimat und geißelte die Hartherzigkeit der Bergbauern gegenüber den Armen des Dorfe. Der Waldbauernbub berichtete in seinen Reportagen ebenso über die Inzucht und die Kretins in den abgelegenen Bergtälern um Alpl, wie er über das ausschweifende sexuelle Treiben der Mägde und Knechte im Heustadl, im Wald und auf der Wiese schrieb. Die Kirchenoberen schäumten. Sein Roman „Jakob der Letzte“ ist schließlich ein einzigartiges sozialhistorisches Dokument vom Untergang der Bergbauern in der Steiermark.