Von Reinhard Baumgart

Drei Jahre ist es nun her, seit das Ende der Literatur der Bundesrepublik ausgerufen wurde, mit guten Gründen und geistreichem Aufwand. Aber auch diesmal war die Wirklichkeit stärker, zäher als alle starken Thesen: Der literarische Status quo hat sich Jahr über Jahr schlicht fortgesetzt, und das aus ernüchternd simplen Gründen. Einmal ist seit dem (schadenfroh oder bitter) verkündeten Ende rein gar nichts sichtbar, greifbar geworden, was wie ein nagelneuer Anfang aussähe. Und außerdem – ein noch banalerer Grund – schreiben alle unsere altgewohnten Autoren unermüdlich weiter.

Zum Beispiel Martin Walser, der jetzt – wenn ich richtig gezählt habe – seinen neunundvierzigsten Titel auf den Buchmarkt liefert. Auf seinen letzten Roman „Die Verteidigung der Kindheit“, tief mißverstanden als des Autors Beitrag zum Thema deutsche Einheit, läßt er nun einen knapperen, auf Tempo, auf Brillanz dressierten folgen, der zwar viel zeitgenössischen Kulissenzauber einsetzt, aber im Grunde nur noch einmal heftig durchspielt, was dieser Erzähler seit den sechziger, siebziger Jahren an Themen, Figuren, Schreibweisen entwickelt hat. Schwer vorzustellen, wie ein Walser-Anfänger, ein schlicht normaler Leser der neunziger Jahre, diesen Roman lesen könnte, ohne Ahnung also von den tausendundein Walser-Echos, die er auslöst, von dem Resonanzraum eines vieltausendseitigen (Euvres, in den der Text hineingeschrieben ist.

Eine gute lange Weile könnte dieser ganz normale Leser sicher meinen, er wäre hier in einen angenehm flotten, frechen, flachen Unterhaltungsroman hineingeraten. Knappe Sätze, hohes Tempo, kalt sprühende Pointen. Dazu jede Menge Reiz-Milieu: reiche Leute, in München, in den Medien, am Starnberger See, bei Sex und Surf. Die reichen Leute, einige irre reich, alle wohl versorgt, sind keineswegs sorgenlos. Reiche Leute, arme Schweine. Sie plustern, sie piesacken sich, daß es eine Lust ist – für den ahnungslosen, ganz normal voyeuristischen Leser. Allerdings wird am Ende der drei langen Kapitel immer hemmungslos geweint, jedesmal von Frauen. Allerdings könnte der ahnungslose Leser auch verstört, aufgestört werden durch Schlußsätze wie (am Ende von Kapitel eins): „Das Schöne ruft nur seinen Schmerz aus. Was erscheint, zeigt seinen Preis.“

Diese reichen, ruhelos unglücklichen Menschen heißen Ernest und Ellen, Sylvio, Sylvi und Alf und Annelie – fast ein bißchen zu sorglos oder zu höhnisch sind solche illustriertenromanschnittigen Namen den Figuren aufgeklebt, als sollten damit ihre allzu schicken Schicksale denunziert werden. Denn auch die Handlung – falls es eine ist, aber unser Probe- und Normalleser wird sie zunächst als solche hinnehmen –, diese Handlung sieht in knapper Zusammenfassung aus wie ihre eigene Parodie. Ellen nämlich will ihre Affäre mit Ernest durchhalten, der sie allerdings längst mit Annelie betrügt, die eine kurze Weile etwas mit Ellens Mann Sylvio hatte, aber Ernest giert nur noch nach Ellens Tochter Sylvi, er fünfundsechzig, sie fast ein halbes Jahrhundert jünger, und er kriegt sie auch, im Uferwasser des Sees, auf dem er wenig später, hinter Sylvi hersurfend, ertrinkt.

Das darf nicht wahr sein! wird nun vielleicht auch der ahnungslose Nicht-Walser-Leser ausrufen. Wahr und wirklich in einem schlichten Sinne ist hier tatsächlich nichts, höchstens: „grotesk hoch drei“, wie die Redakteurin Ellen einen schon irrealen „Wirklichkeitsgrad“ nennt. Die flotte Formel bietet endlich einen ersten Einblick ins Triebwerk der Walserschen Erzähl- und Illusionsmaschine, und damit wird es Zeit, alle Simulationsversuche mit einem voraussetzungslosen Leser dieses Romans fahrenzulassen. Was er auf der ersten flachen, alert, virtuos und dann wieder entwaffnend sentimental geschriebenen Schicht des Romans erleben mag – ich weiß es nicht, ich kann es nur vermuten. Denn für jeden, der Walser liest, solange er schreibt, seit über dreißig Jahren, wird dieser Text sehr bald zu einem rätselhaft übermütigen, lässigen, dann wieder bitteren Spiel mit nahezu allen Motiven seines Schreiblebens. Wiederholung der Wiederholungen. Als Resteverwertung? Als Kehraus oder Aschermittwoch? Aus Altersleichtsinn oder Alterstrübsinn?

Auf ihrem Höhepunkt, so hieß es früher, werde alle Kunst rein äußerlich. Gegen Ende, so lernen wir hier wieder, wird alle Kunst ganz nackt. Denn was Walser auch alles aufbietet an Milieu- und Detailkenntnis, über das Surfen und das psychische Gift in einer Magazinredaktion, die Ticks der Starnberger-See-Anwohner und den glanzvollen Irrsinn eines Föhntags – das wirkt tatsächlich nur wie Verpackungskunst, Kulissenzauber, dient, durchsichtig wie selten vorher, nur der neuen Inszenierung uralter Walserscher Konstellationen: eines durch Kostüm- und Kulissenschick eher verschleierten, rücksichtslosen Macht- und Konkurrenzkampfs, zwischen den Geschlechtern, den Alters-, den Einkommensklassen. Jeder gegen jeden, mißtrauisch, schlau, charmant, besorgt, bösartig. Auf Sieg oder Niederlage. Auf Tod und Leben.