Unsere Freunde machten große Reisen – in die Karibik, nach Indien oder nach Neuseeland, unsere Reisen blieben greifbar – mit der Bundesbahn in deutsche Lande. Schön war das auch. Dennoch fühlte ich mich wie ein gefangener Vogel. Ich wollte auch fliegen... Aber – wie und wohin? Ich bin blind, mein Mann ist sehbehindert. Da scheinen die Grenzen eng gesteckt.

Eines Tages hörten wir von einer Marokko-Reise, ausgeschrieben von der Volkshochschule. Merkwürdigerweise fühlten wir uns angesprochen. Sollten wir es versuchen? Den Sprung wagen?

Wir hatten Glück. Wir trafen auf aufgeschlossene und hilfsbereite Menschen. Ihre Hilfeleistungen nahmen wir nur in Anspruch, wo es notwendig war: beim Ausfüllen von Formularen, beim Suchen der Zimmer, beim Entziffern der Speisekarten. Es fällt sehenden Menschen schwer, abzuschätzen, wo es angebracht ist zu helfen. Der blinde Mensch muß den ersten Schritt tun.

Auf einer tastbaren Karte hatte ich mir angesehen, wo Marokko liegt und wie wir vielleicht fliegen würden. Fliegen ist für behinderte Menschen kein Problem. Die Stewardessen bieten unauffällig Hilfe an. Bei der Abfertigung auf dem Flugplatz ist das anders. Da sind Begleitung und Unterstützung nötig.

Mein erstes Zusammentreffen mit Marokko war ein Mimosenbaum, zu dem mich eine Reiseteilnehmerin geführt hatte. Er streckte mir seine Zweige fast zärtlich entgegen. Diese Blüten, dieser Duft – ich glaubte, beides in Händen zu halten. Diese erste Berührung wurde zu einer kleinen, intimen Freundschaft mit Marokko. Dieses Land ist so ausdrucksstark, daß ich es buchstäblich auf der Haut spürte. Ich hielt mich offen und nahm die Schönheiten mit den Sinnen auf, die mir geblieben sind.

An einem Nachmittag fuhren wir mit Jeeps in die Wüste. Es war so heiß, daß die Bluse naß am Körper hing. Beim Aussteigen trocknete sie sofort. Wie unter einem Bügeleisen, dachte ich. Dann ließ ich mich einfangen von der Stille der Wüste, die nicht stumm ist, mich aber verstummen ließ. Es war so, als hielte einer den Atem an, um gleich in feierlichen Worten zu sprechen. Der feine, rötliche Sand erzählte die Geschichte der Jahrmillionen. Meine Hände umschlossen Fossilien, die wie verzauberte Wesen wirkten: Seeigel. Seelilien und kunstvolle Kristalle. Meine Füße spürten die weichen Sandwellen und ließen sich umschmeicheln von der Feinheit und Wärme der großen Düne. Die Wüste ist nicht tot. In ihr atmet, arbeitet und lebt es. Sie hat aber auch etwas Bedrohliches an sich, das sich nur ahnen läßt. Mein Mann beschrieb mir in kurzen Stichworten den Sonnenuntergang. Es ging erschreckend schnell. Ich fror.

Der Atlantik. Wieder Sand, feinster Sand. Da und dort vereinzelt Muschelschalen und winzige Schneckenhäuschen, die mir die Teilnehmer immer wieder liebevoll in die Hand gaben. Am Atlantik wollte ich frei stehen und die Arme ausbreiten. Hier war ich nicht mehr der gefangene Vogel. Der Wind ist der Bruder des Meeres. Er brachte mir mit den Wellen ein Stück Himmel nah. Der Wind in den Palmen. Dieses unnachahmliche Klatschen wie von einem nassen Vorhang. Ich höre es immer noch.