Jetzt ist im Reclam Verlag eine neue Ausgabe von Eckhard Henscheids Phrasenlexikon „Dummdeutsch“ erschienen, „unter Mitwirkung von Carl Lierow und Elsemarie Maletzke“, 294 Seiten, zwölf Mark. Sehr schön. Leider aber – obwohl „beträchtlich erweitert“ – ganz und gar nicht auf dem neuesten Stand. Schade. Denn Ansprechpartner und Entscheidungsbedarf, flächendeckend, Medienlandschaft, unverzichtbar, Lernprozeß – also, das kennen wir, geht in Ordnung, sowieso, genau. Aber wo bleiben Spannung der Moderne, nationale Identität, Rückruf in die Geschichte, Alarmismus, Ende der Utopie und die ewig unverzichtbare alte Bundesrepublik?

Dummdeutsch im Wandel. „Einszweidrei, im Sauseschritt / Läuft die Zeit; wir laufen mit“ (W. Busch).

O nein, nein, nicht soll hier die Rede sein von Helmut Kohl und seinen Stürmern und Stölzln, von all den Berlin- und Potsdam-Festen, preußischen Königsgrüften und Nationalmahnmalen, Kaiserdomen und Hohenzollernschlössern, die „der Kanzler“ feierlich begeht und eröffnet und durchlebt („historische Stunden“), denn – denn: „Feierlichkeit nennt man jenen Nebel, welchen die Dummheit zu ihrem Schutze erzeugt, wenn sie in die Enge getrieben wird“, H. v. Doderer, und uns erfaßt 1 Mitleid.

Und auch nicht soll die Rede sein von all den lieben älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die sich ein halbes Leben lang redlich bemüht haben, mehr Demokratie zu wagen, und nun, an den Marken ihrer Tage (Th. Körner), bei jeder Gelegenheit laut und eifrig den Wunsch bekunden, die Bundesrepublik in das Deutschland ihrer Kindheit heimkehren zu sehen, mit Bronzekaiser auf dem Deutschen Eck und wahren Werten unter den Linden.

Sondern die Rede soll sein von den – wenigstens den Jahren nach – Jüngeren, von Menschen, Männern zumeist, in den besten Jahren, mit Abitur und Studienabschluß, die nun plötzlich, aus heiterem Himmel, Sätze wie diesen drucken lassen: „Die Pflicht der Deutschen, bei allen wichtigen Fragen auch in die Vergangenheit zu schauen, hilft nur mehr zu sehen, was zu unterlassen, nicht, was zu tun ist... Denn wir Deutschen werden an realen Problemen erwachsen, nicht an irrealen Gefühlen.“ Tatsächlich, richtig gelesen: Die Pflicht der Deutschen, schreibt der Autor Bernd Ulrich, ein sogenannter Linker (einst), am 17. Juli 1993 in der Berliner tageszeitung, und: Wir Deutschen werden erwachsen. Oder ein anderer Kollege, Thomas Schmid, der sich vormals gern als „Ökolibertärer“ titulieren ließ und der nun, am 15. Juli, in der Berliner Wochenpost meditiert: „Deutsche Stärke – das wäre föderales Selbstbewußtsein. Friesischer Eigensinn und sächsische Industrie; Uta von Naumburg und die Türme der Deutschen Bank... Was deutsch ist, das müssen die Deutschen, die es nur undeutlich wissen, erst noch herausfinden.“ Deutsche Stärke ... Uta von Naumburg ... was deutsch ist... – ja, was fällt uns da noch ein, was ist da los, was geht da vor?

Vielleicht, so wäre eventuell zu vermuten, haben wir es mit einer ähnlichen Erscheinung zu tun wie jener, die der amerikanische Journalist Tom Wolfe 1970 in einem berühmt gewordenen Aufsatz beschrieb. Radical chic lautete damals seine Diagnose angesichts der seltsamen Neigung gewisser reicher New Yorker Kunstbürger, sich als Die-Verdammten-dieser-Erde zu kostümieren. Weltrevolution als individuelle Karrierestrategie – man mußte anno 70 schon ein bißchen dagegen sein, um dabeizusein.

Nun also, einszweidrei im Sauseschritt, dasselbe nach rechts. Deutsch zu sein bedarf es wenig, und wer deutsch...

Ja, das ist er wohl, der neue national chic, der schicksalspralle Duft pour homme, auf jedem Podium und Symposium zu riechen. Jedem zweiten Leitartikel entströmend und allerlei Professoren- und Dichter-Essays in würzigster Blume entfahrend. Und vor allem: eine gewaltige, wunderbare Fülle von köstlichem Dummdeutsch entfaltend, ach – Herr Henscheid, Herr Lierow, Frau Maletzke, übernehmen Sie! Benedikt Erenz