Es war im August 1990, als Wolfgang Vogel sein Ost-Berliner Kellerarchiv vorführte, die vielen tausend Akten seiner ausgereisten Klienten herzeigte und, vor Holzregalen stehend, sagte, was er danach beständig wiederholen sollte: „Für mich hat die Hilfe für den Mandanten immer im Vordergrund gestanden. Ich hätte auch mit dem Teufel paktiert, wenn ich nur keiner werden mußte. Und ich bin keiner geworden.“

Jetzt, drei Jahre später, haben Berliner Staatsanwälte bekanntgegeben: Wolfgang Vogel hat paktiert. Er war, um bei seiner Metapher zu bleiben, des Teufels wichtigstes Teufelchen. Stasi-Mielkes Topmann. Dessen sind sich die Ermittler nach neuen Aktenfunden „ganz sicher“.

Und so erinnert man sich an all die Beteuerungen, mit denen Rechtsanwalt Vogel die Öffentlichkeit seit dem Mauerfall bombardiert hat: Erst hieß es, er sei niemals Mitarbeiter der Stasi gewesen. Dann, als im August 1992 die Stasi-Akten der frühen Jahre auftauchten, verbreitete er eine kurze Erklärung: „Eine Verpflichtung bin ich nicht eingegangen. Es gab kein Dienstverhältnis.“ Wohl habe er sich 1953 in einer „Drucksituation“ befunden, so daß es seither zu „Kontakten“ gekommen sei. „Nur so konnte zahlreichen Menschen in Bedrängnis anwaltlich geholfen werden.“

Das glaubten seine hochgestellten Förderer im Westen gern, denn tatsächlich konnte ein Anwalt ja nicht Häftlinge aus Stasi-Gefängnissen herausholen und in den Westen bringen, ohne mit der Stasi darüber zu reden. Und er mußte nicht wissen und nicht damit einverstanden sein, daß die Stasi ihn in den frühen Jahren als ihren „Georg“ führte. So stellt es Vogel bis heute dar.

Von diesen Behauptungen bleibt nach Ansicht von Oberstaatsanwalt Christoph Schaefgen jetzt nicht mehr viel übrig: Der „Verpflichtungsbericht“ stamme aus dem Jahr 1953. Damals sei Vogel als „sehr gewissenhaft“ eingeschätzt worden, als einer, der Informationen brachte „von inhaftierten Personen, mit denen er als Rechtsanwalt zu tun“ hatte. Vogel sei auch nicht, wie bisher behauptet, 1956 wegen Unzuverlässigkeit ausgemustert worden. Jetzt sind seine Berichte bis zum Jahr 1966 aufgetaucht. Keine Rede mehr davon, daß die Stasi bloß einen ahnungslosen Vogel fliegen ließ. Es liegen plötzlich handschriftliche „Treffberichte“ zuhauf vor. Seine Anwaltskanzlei, die Anlaufstelle für viele tausend Systemmüde, habe „wie eine Außenstelle des MfS“ gearbeitet.

Oberstaatsanwalt Schaefgen sagt: „Herr Vogel hatte jederzeit Zutritt bei Mielke. Er unterstand unmittelbar dem Minister.“ Neben Vogel ist bislang nur ein weiterer Stasi-Helfer bekannt, der so wichtig war, daß er direkt aus dem Mielke-Sekretariat geführt wurde: Alexander Schalck-Golodkowski.

Besonders schwer wiegt, daß nun Belege über die Stasi-Gage für Vogel gefunden wurden. Oberstaatsanwalt Schaefgen: „Herr Vogel hat für die Zeit von 1980 bis 1989 auf Veranlassung von Mielke jährlich jeweils 100 000 Mark Ost und 50 000 Mark West erhalten“, insgesamt mindestens „3,5 Millionen Mark Ost und 1,5 Millionen Mark West“. Vogel behauptet, er habe das Geld als Anwaltshonorar für die Vertretung von Ostagenten vor westdeutschen Gerichten erhalten.