Von Volker Ullrich

Zu Beginn seines neuen Buches schildert Wolfgang Venohr, wie sein Vater ihm, dem damals Zwölfjährigen, am 21. Dezember 1937 die Nachricht vom Tode Erich Ludendorffs überbrachte: „Bedrückt und stumm gingen wir in die Wohnung.“

Das Gefühl des Bedrücktseins hat den Autor offenbar bis heute nicht verlassen; ihn quält die Vorstellung, daß „der Name Ludendorffs fast vergessen“ und immer noch nicht geklärt sei, welcher historische Rang ihm eigentlich gebühre.

Das „Rätsel Ludendorff“ möchte Venohr nun endlich lösen und ihn damit vor den üblen Nachreden derer bewahren, die nicht vergessen konnten, daß der Weltkriegsgeneral in den zwanziger Jahren zeitweilig zum Weggefährten Hitlers wurde.

Erstaunlich nur, daß diese Biographie das Politische weitgehend ausblendet und sich ganz auf Fragen der Kriegführung im Ersten Weltkrieg konzentriert. Denn mit einer „Analyse seines militärischen Wirkens in den Jahren 1914 bis 1918“ – so die Zielbestimmung – ist die Bedeutung Ludendorffs kaum zu erfassen. Schließlich war er – ganz unpreußisch – ein politisierender General, der, nachdem er im August 1916 gemeinsam mit Hindenburg an die Spitze der Obersten Heeresleitung berufen worden war, sich ständig in Regierungsgeschäfte einmischte, im Juli 1917 Reichskanzler Bethmann Hollweg stürzte und danach zum heimlichen Diktator Deutschlands avancierte. Bis er dann Ende September 1918, als die militärische Niederlage sich nicht mehr verheimlichen ließ, die Verantwortung für das angerichtete Desaster an die Politiker delegierte.

Venohr begründet die selbstgesetzte Beschränkung so: „Die Deutschen – einst führend in der Welt – haben es wohl nach 1945 verlernt, sich mit der Kriegsgeschichte zu beschäftigen. Sie ist und bleibt jedoch ein wesentlicher Bestandteil der National- und Weltgeschichte. Richtig gelesen und angewandt, ist sie die Grundlage jedweder Führungskunst, ob im militärischen oder im zivilen Bereich.“

Damit „die Deutschen“ wieder „führend in der Welt“ werden, sollen sie sich also mehr mit Kriegsgeschichte beschäftigen. Und dafür eignet sich nach Venohrs Ansicht kaum jemand besser als eben Ludendorff, „der wahre Heerführer der Deutschen“, der im Weltkrieg Wunder an Tatkraft und Organisationsgeschick vollbrachte: die Schlacht bei Tannenberg Ende August 1914 – „eine einmalige Operation in der Kriegsgeschichte“; die Rochade nach Thorn im November 1914 – „man wird Vergleichbares nur selten in der Kriegsgeschichte finden“; der Rückzug auf eine Verteidigungslinie im Westen im Herbst 1916 – „kriegsgeschichtlich ohne Vorbild und Beispiel“. Und so weiter und so fort...