Von Christian Weymayr

Die letzten Aufstände des Häuptlings Geronimo und seiner Leute für ein Leben in Freiheit wurden blutig niedergeschlagen. Jetzt, nach gut einhundert Jahren, will der weiße Mann das Volk der Apachen erneut zur Ader lassen, und auch diesmal geht es um die Eroberung von Neuland, allerdings von wissenschaftlichem: Die Plains-Apachen gehören zu den 500 Urvölkern, deren Erbsubstanz vom kommenden Jahr an gesammelt, konserviert und untersucht werden soll. Im Saal XX der Vereinten Nationen in Genf tagt noch bis Ende dieser Woche die Arbeitsgruppe der indigenen Völker, der „Eingeborenen“. Auch das Sammelvorhaben steht auf ihrer Tagesordnung.

Vom Stochern im Genom der Urvölker versprechen sich Wissenschaftler die Klärung einer Reihe von Fragen:

  • Woher kommen wir? Stimmt die „Eva-Theorie“, die besagt, daß die Menschheit von einem gemeinsamen menschenähnlichen Vorfahren aus Afrika abstammt, oder hat die Evolution die Art Homo sapiens mehrfach hervorgebracht? Überwanden sibirische Stämme die Beringstraße vor 35 000 oder erst vor 12 500 Jahren, um den amerikanischen Kontinent zu besiedeln?
  • Welche sozial bedingten Verschiebungen gibt es zwischen benachbarten Völkern? Übersiedelt der Mann oder die Frau zur Sippe der Schwiegereltern, oder werden die Partner nur im eigenen Stamm gesucht?
  • Woran liegt es, daß wir Krankheitserreger unterschiedlich gut abwehren können? Ist es Anpassung an besondere Lebensumstände oder eher Zufall, wenn Menschen resistent gegen Viren und Bakterien werden?
  • Welche Variationsbreite besitzt unser Erbgut? Mit wie vielen anderen teilt man seinen „genetischen Fingerabdruck“, der beispielsweise vor Gericht ausschlaggebend sein kann, wenn die Identität eines Täters anhand kleiner Gewebeproben festgestellt werden soll?

Geboren wurde die Idee des „Human Genom Diversity Project“ vor etwa zwei Jahren; es gilt als der kleine Bruder des eigentlichen Genomprojektes, das die Auflistung aller drei Milliarden Bausteine des menschlichen Erbgutes zum Ziel hat. Um aber die genetischen Unterschiede, die uns hell- oder dunkelhäutig, mandel- oder schmaläugig machen und die das „große Genomprojekt“ außer acht läßt, erfassen zu können, hatten Anthropologen und Genetiker bereits Blutproben etlicher Völker gesammelt und analysiert. Doch der rechte Überblick fehlte noch. Außerdem wurde klar, daß nur mit einer internationalen Kraftanstrengung die akut vom Aussterben bedrohten Völker erfaßt werden könnten, wie etwa der sibirische Rentierjägerstamm der Yukaghir, der nur noch einhundert Menschen zählt.

Bald legten Wissenschaftler auf einem internationalen Treffen die Sammelmodalitäten fest: Aus dem Blut von je 25 möglichst entfernt verwandten Personen eines Stammes sollen Zellkulturen gewonnen werden, die sich einfrieren lassen und eine unerschöpfliche Quelle an Material für die Untersuchung von genetischen Merkmalen bieten. Bei einer zweiten Zusammenkunft wählten die Forscher 500 der 7000 Völker der Erde für das Projekt aus.

Bei einem dritten, für September geplanten Treffen auf Sardinien wird es dann – endlich – auch um ethische Fragen gehen: Wie läßt sich verhindern, daß mit Hilfe der genetischen Information Völker diskriminiert werden? Ist Erbgut Allgemeingut? Haben also Pharmakonzerne Zugriff auf das Erbmaterial, um mit seiner Hilfe Mittel gegen Krankheitserreger zu finden und Profit daraus zu schlagen? Müssen die Urvölker in solchen Fällen Provision erhalten? Die wichtigste Frage aber lautet: Wären die vierzig Millionen Mark, die das Projekt kosten wird, nicht besser für den Schutz des Regenwaldes und der Tundra angelegt, um das Aussterben der Völker zu verhindern? Und wie fühlen sich die „Wilden“ dabei, wenn sie erneut für die Gier – jetzt die Neugier – des „zivilisierten“ Mannes bluten sollen?

In Genf sind sie zur Stunde versammelt, und sie lassen ihren Gefühlen freien Lauf: Ob die Vertreter des mexikanischen Indianerstammes, die Maori aus Neuseeland oder der norwegische Jurist vom Volk der Samen – alle stehen dem Vorhaben skeptisch bis ablehnend gegenüber. Fast verächtlich wischt die Indianerin und Tänzerin Luz Marina Acosta, eine politisch Verfolgte aus Paraguay, das Argument zur Seite, das die Wissenschaftler so zur Eile antreibt: „Wir sterben nie aus“, sagt die Indianerin stolz. Im Gegenteil, die Urvölker von Alaska bis Feuerland würden gemeinsam etwas Neues für die Welt schaffen. Und überhaupt – Gentechnik, was sei das schon. „Wir Indianer wissen seit 40 000 Jahren, daß in einer Keimzelle die ganze Wahrheit steckt.“