Von Rolf-Dieter Müller

Kaum jemandem hierzulande ist bekannt, daß Antwerpen – die Kulturhauptstadt Europas 1993 – gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zum Ziel deutscher Raketen geworden war. Es gibt keinen anderen Flecken auf der Erdoberfläche, der jemals einem derartigen Trommelfeuer von mehr als zehntausend Raketen ausgesetzt worden ist. Wer die Stadt an der Scheidemündung heute besucht, findet dennoch kaum Spuren dieses Vernichtungsschlages: Aus der Idylle der Kulturstadt ist der Krieg inzwischen scheinbar verbannt.

Die belgische Metropole, größer als die Landeshauptstadt Brüssel, hatte ihr „goldenes Zeitalter“ im 16. Jahrhundert erlebt. Durch den Hafen – noch heute gehört er zu den fünf größten der Welt – war Antwerpen reich geworden. Als sich nach der Entdeckung Amerikas die Handelswege vom Orient in die Neue Welt verlagerten, wurde es zu einer der bedeutendsten Städte Europas, eine „Perle“ der Zivilisation und Kultur, stolz und mächtig, auf dem Weg, sogar Venedig zu überholen. Kriege und Belagerungen, fremde Eroberer hatten die Städte Flanderns vielfach erduldet und überlebt, auch die jeweils vierjährigen deutschen Besetzungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Weder bei der Eroberung Belgiens durch Hitlers Wehrmacht im Mai 1940 noch während der Besatzungszeit war die Stadt ins Fadenkreuz der Kriegsmaschinerie geraten. Als la drôle d’occupation beschreiben heute belgische Historiker die Zeit des erzwungenen Zusammenlebens mit deutschen Besatzungstruppen und Feldkommandanturen. Eine der wenigen Inseln trügerischen Friedens in der Orgie von Blut und Gewalt, mit der die Deutschen Europa zwischen Wolga und Rheinmündung zu einer „Neuordnung“ in ihrem Sinne zwingen wollten.

Eine Sonderrolle fiel Antwerpen schon aus ideologischen Gründen zu, galten doch die Flamen in der Rassenhierarchie der Nazis als Teil der germanischen Herrenrasse. Flandern sah man als verlorenen Teil des Reiches an, dessen „Heimkehr“ schon im Ersten Weltkrieg deutsches Kriegsziel gewesen war. Ganz handfest aber ging es um die Einverleibung der belgischen Industrie und um die Häfen als Stützpunkte deutscher Weltmachtstellung, als Sprungbrett nach Übersee und in die künftigen Kolonien.

Solange Hitlers Blick nach Osten gerichtet war, blieben Belgien und sein gefangener König vom Schlimmsten verschont. Im ganzen Land wurden während der gesamten Besatzungszeit zur Einschüchterung „nur“ 240 Geiseln in 18 Fällen hingerichtet, vorwiegend in Brüssel – ein Bruchteil jenes Blutzolls, den die Deutschen nahezu täglich in Ost- und Südosteuropa eintrieben. Widerstand regte sich durchaus; sein Zentrum aber bildeten Lüttich und das Industrierevier. Im Konzentrationslager Breedonk saßen 3600 Gefangene, von denen 764 durch Hunger oder Hinrichtung ums Leben kamen.

Freilich: In Belgien wie überall im deutschen Machtbereich gab es eine Opfergruppe, die gnadenloser Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt war. In Antwerpen bestand vor dem Krieg die größte jüdische Gemeinde, eng verbunden mit dem Diamantenhandel, 55 000 Menschen, mehr als die Hälfte der belgischen Juden. Sie gerieten, sofern sie nicht – begünstigt durch die geographische Lage – zu fliehen verstanden, in den Holocaust. Insgesamt 25 000 belgische Juden wurden nach Auschwitz deportiert. Dennoch ist Antwerpen heute wieder Heimstatt einer großen jüdischen Gemeinde, der größten in Europa.