Von Thomas Hanke

Patricia Zündorf ist arbeitslos und hat einen denkbar einfachen Wunsch: Sie möchte gerne wieder als Einzelhandelskauffrau arbeiten. Einen Job könnte sie theoretisch bekommen – doch sie lebt alleine mit ihrem dreijährigen Sohn, und da fangen die Probleme an. Weil Patricia keinen Kindergartenplatz für Julian gefunden hat, kann sie auch keine Arbeit aufnehmen. Das Arbeitsamt folgert messerscharf, daß Patricia dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht, solange sie keine Kinderbetreuung nachweisen kann. Nun muß sie von der Sozialhilfe leben.

Patricia und Tausenden anderen Familien und Alleinerziehern in ähnlicher Lage könnte geholfen werden, wenn in Deutschland die Kinderbetreuung verbessert würde. In den alten Bundesländern fehlen 600 000 Kindergartenplätze, 350 000 Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren und Horte für 390 000 Kinder im schulpflichtigen Alter. Zusammen mit der Reform des Paragraphen 218 wurde zwar im vergangenen Jahr der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für alle Kinder zwischen drei und sechs Jahren beschlossen. Statt wie vorgesehen 1996 in Kraft zu treten, wird der Beschluß aber voraussichtlich aufgehoben: Im Rahmen ihrer Sparmaßnahmen hat die Bundesregierung den Ländern angeboten, den Rechtsanspruch rückgängig zu machen.

Während Dänemark, Frankreich und Belgien schon lange die flächendeckende Versorgung mit staatlich geförderten Einrichtungen für Kinder vom Babyalter bis zur Schulzeit gewährleisten, hat die Bundesrepublik sich jahrzehntelang vor der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz gedrückt. Viele Kommunen verschanzen sich hinter dem Kostenargument, um Forderungen nach mehr Kindergärten von sich zu weisen. Sie stützen sich auf Berechnungen des Bundesministeriums für Frauen und Jugend: Danach wären bei Aufwendungen von 35 000 Mark je Platz und 600 000 fehlenden Plätzen bis zu 21 Milliarden Mark an Investitionen erforderlich, um den Rechtsanspruch zu verwirklichen. Harald Möller, Jugendamtsleiter in Grevenbroich, weiß, wie es billiger geht: „Wir haben seit 1982 gut 300 Kindergartenplätze als kostengünstige Maßnahmen geschaffen, in umgebauten alten Schulen oder Hausmeisterwohnungen. Dadurch konnten wir im Vergleich zu einem Neubau rund fünf Millionen Mark sparen.“ Die Nutzung bestehender Bauten ist auch deshalb günstiger, weil nicht alle unsinnigen Standards von der Flurbreite bis zum Abstand der Handtuchhaken eingehalten werden müssen.

Statt mit Phantasie eine bessere Kinderbetreuung anzustreben, wird die Misere nun fortgeschrieben und das Ganze auch noch als Einsparung verkauft. Dabei übersehen die Sparpolitiker, welche menschlichen und volkswirtschaftlichen Kosten dies hat. Denn auch wenn Konservative in allen Parteien noch am Trugbild von der Familie als idealem Ort der Kindererziehung festhalten: Schon lange müssen Kindergärten die Erziehung der Eltern ergänzen und teilweise ersetzen.

Nur wenige Familien können ohne weiteres auf ein Gehalt verzichten, damit ein Elternteil sich um die Kinder kümmern kann. Hinzu kommt, daß ein Drittel aller Familien instabil oder Einelternhaushalte sind. Lediglich eine kleine Minderheit davon kann ihre Kinder bei den Großeltern oder anderen Angehörigen unterbringen. Den Einkommensschwächeren ist auch die Versorgung über den grauen Markt der Kinderfrauen, Au-pair-Mädchen oder Leihomastationen verwehrt. Alleinerziehende mit Kindern im Kindergarten- oder Grundschulalter sind deshalb häufig gezwungen, ihren Arbeitsplatz zu kündigen.

Der Weg zurück in die Berufstätigkeit ist schwer, vielen Frauen wird er völlig verbaut: Gerhard Engelbrech vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit stellt in einer Studie fest, daß ein Fünftel der Frauen, die aus familiären Gründen aus dem Berufsleben ausgeschieden sind – Männer nehmen nach wie vor den Erziehungsurlaub kaum in Anspruch –, die berufliche Wiedereingliederung als praktisch unmöglich ansehen. Sechs von zehn Frauen mit Kindern bekommen bei der Wiedereingliederung Probleme, weil Teilzeitarbeitsplätze fehlen, die Arbeitszeiten nicht flexibel genug sind oder ihre Kinder nicht betreut werden können.