BERLIN. – Nur wenige Schritte von der einst unüberwindbaren Grenze gen Westen entfernt, steht ein altes Fabrikgebäude, wie es sie überall im Osten gibt – heruntergenutzt bis zum letzten Stein, pockennarbig geflickt, lieblos übergetüncht. Anklamerstraße 38 – kaum vorstellbar, daß in diesem Gemäuer mit seinen verschachtelten, rumpligen Höfen ausgerechnet Schönheit, oder besser gesagt ihre kleinen Helfer, produziert wurden: Utensilien für volle Lippen, exotisch funkelnde Augen, makellosen Teint. Vierzig Jahre lang war hier einer der größten Kosmetikhersteller der DDR aktiv. Auch die Zukunft des Gebäudes ist weiblich. Die alte Kosmetikfabrik wird zum größten Frauengewerbehof Deutschlands umgekrempelt. Seit Oktober vergangenen Jahres sind die gut 5000 Qudratmeter großen Räume des einstigen Volkseigenen Betriebes Eigentum von rund 500 „Genossinnen“. Eine Frauengenossenschaft vollzieht den Wandel von der Plan- zur „Weiber-Wirtschaft“.

In drei Ausbaustufen soll der Fabrikkomplex unter der Regie bekannter Berliner Architektinnen umgebaut und saniert werden. 1994 werden hier die ersten Frauenbetriebe einziehen. In der Endphase sollen rund zweihundert Frauen in den verschiedensten Unternehmen dieses Gewerbehofes arbeiten oder eine eigene Existenz aufgebaut haben. Teile des Komplexes werden für soziale und künstlerische Zwecke reserviert sein, ein eigenes Café soll dazugehören, ein Kinderladen, Ateliers für Künstlerinnen und Veranstaltungsräume – ein in dieser Größenordnung einmaliges Projekt in der Bundesrepublik.

Daß es zustande kommt, ist ein ausnahmsweise positives Resultat weiblichen Langmuts: Seit 1987 arbeiteten Berliner Frauen an der Konzeption eines selbstverwalteten Gründerinnenzentrums. Gut fünf Jahre lang schafften sie in zäher Kleinarbeit rechtliche und finanzielle Hürden beiseite. 1989 wurde die Genossenschaft WeiberWirtschaft gegründet – die erste seit der Weimarer Republik, in deren Paragraph 4 der knappe, aber entscheidende Passus steht: „Die Mitgliedschaft können erwerben: natürliche Personen weiblichen Geschlechts“. Mit Einlagen ab zweihundert Mark können Frauen den in hehren Worten formulierten Genossenschaftszweck unterstützen, „durch Erwerb eines Gebäudes und Bereitstellung von Gewerberäumen die Ausgangsbedingungen von Frauenbetrieben und -projekten zu verbessern und Frauen auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet zu stärken“.

Reichlich schleppend tröpfelten zunächst die Einlagen für das noch wenig konkrete Projekt. Als endlich ein minimales Stammkapital beisammen war, brachte der Mauerfall neue Hürden bei der Suche nach einem geeigneten Objekt. Die Immobilienpreise schlugen Salto, der anvisierte Kaufpreis von drei Millionen Mark schnellte auf mehr als das Doppelte hoch. Doch die Wiedervereinigung erhöhte auch das Angebot. Die Frauen-Genossenschaft WeiberWirtschaft bewarb sich bei der Treuhand um ein geeignetes Gewerbeobjekt und bekam – nach zähen Verhandlungen – schließlich die „Berlin-Kosmetik“ in der Anklamerstraße um 12,3 Millionen Mark.

Die Berliner Frauen- und Arbeitssenatorin Christine Bergmann hatte die WeiberWirtschaft schon seit 1991 mit einer Anschubfinanzierung für Sach- und Personalmittel unterstützt. Beeindrucken konnten die Frauen offenbar auch die Herren vom Wirtschaftsressort. Der Wirtschaftssenat schießt aus den Mitteln für den „Aufschwung Ost“ knapp 4,2 Millionen zu, und der Bausenat steuert sieben Millionen zu den Sanierungskosten bei. Für die restlichen fünfzehn Millionen hat die WeiberWirtschaft jetzt eine Bank gefunden, die ein langfristiges Darlehen gewährt.

Heute zählt WeiberWirtschaft rund fünfhundert Genossinnen, zu wenig, um das eigentlich notwendige Stammkapital von einer Million Mark aufzubringen, genug aber, um starten zu können. Mehr als hundert Unternehmerinnen und Projekte, auf enge oder auch sehr lockere Weise mit der Frauenbewegung verbunden, stehen bisher auf der Liste der potentiellen Nutzerinnen: Die Palette reicht vom Berliner Geburtshaus mit rund zwanzig Arbeitsplätzen über ein Frauenfitneßcenter bis zum Schuhgeschäft, von der Goldschmiedin bis zum Rechtsanwältinnenbüro, von der Frauenunternehmensberatung bis zur Krankengymnastikpraxis. Zwischen fünfundzwanzig und dreißig Mark, so die Kalkulation, werden die Betriebe pro Quadratmeter zahlen müssen. Ein Mietpreis, der für etliche Frauenprojekte kaum erschwinglich ist, auf der Skala der Berliner Immobilienpreise aber noch im unteren Bereich liegt. Angesichts der vielen Bewerberinnen bastelt eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe der Genossenschaft gerade an Auswahlkriterien. „Wichtig ist“, so Monika Damm von der WeiberWirtschaft, „daß es eine interessante Mischung wird.“ Eine Mischung zwischen Dienstleistung und Produktion, zwischen Anfängerinnen und Profis und schließlich auch zwischen Ost und West. Bisher machen die Aspirantinnen aus dem Ostteil der Stadt gerade mal zehn Prozent aus. Außer der Mischung und der Zahl der Arbeitsplätze sollen auch ökologische Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Und die Gretchenfrage, das Geschlecht? Die Betriebe der WeiberWirtschaft, so die derzeitige Beschlußlage, müssen Frauen gehören. In „Ausnahmefällen“ jedoch dürfen sie auch einen Mann beschäftigen. Damit nicht nur die üblichen frauentypischen Branchen Einzug halten, „will man hie und da ein Auge zudrücken“. Vera Gaserow