Schlanksein ist das Schönheitsideal der Rezession. Wer die Zeichen der Zeit erkannt hat, gibt sich schlank; lean production, lean management sind die Worte der Saison.

Auch mit lean education soll jetzt Ernst gemacht werden. Dafür spricht viel. Bei ständig sinkendem Anteil der Wissenschaftsausgaben wird zwar niemand behaupten können, die Hochschulen hätten zuviel Etatfett auf den Lehr- und Forschungsknochen, aber daß allzu viele Studierende all zu lange brauchen, um fertig zu werden, darüber herrscht Einigkeit.

Zwar leuchtet es nicht jedem Studenten ein, warum er möglichst rasch erfahren soll, daß die Beschäftigungschancen schlechter sind denn je. Dennoch ist es ein Unding, wenn junge Leute so lange studieren, daß ihre bereits schulpflichtigen Kinder als Beruf der Eltern „Student“ angeben müssen. Dem Erwerbsleben geht damit nicht nur der Schwung der jungen Jahre verloren, ergraute Nachwuchskräfte werden als Berufsanfänger auch nicht froh. Deshalb spricht viel dafür, die tertiäre Ausbildungsphase deutlich zu verschlanken.

Anders als andere wissenschaftlich-technisch führende Nationen wollen wir nämlich partout an der Fiktion festhalten, vierzig Prozent eines Altersjahrgangs ließen sich mit der gleichen anspruchsvollen Ausbildung und den daraus folgenden Gehaltsansprüchen beglücken wie vordem zehn Prozent. Auf dem nachweislich mit Erfolg beschrittenen Weg der Differenzierung in ein berufsqualifizierendes Fachhochschulstudium einerseits und ein theoretischwissenschaftlich geprägtes Universitätsstudium für die dafür Begabten andererseits kommt die Entwicklung viel zu langsam voran. Erstens wird der Weg finanziell nur halbherzig beschritten, zweitens fehlen in zu vielen Disziplinen die in knapper Zeit berufsqualifizierenden Ausbildungsangebote; drittens bleibt die Aufnahmekapazität weit hinter der Nachfrage zurück; und viertens werden die Universitäten seit Jahrzehnten absichtsvoll daran gehindert, sich ihre Studenten selber auszusuchen. Statt dessen müssen sie als Vorfluter für einen bereits überschwemmten Akademikerarbeitsmarkt herhalten.

Doch nun soll alles schlanker werden: Gut, dann aber bitte schlank, nicht mager! Zügig studieren – ja, aber nicht anspruchslos. Die Zeit, die es braucht, einen guten Mathematiker auszubilden, läßt sich nicht beliebig verkürzen. Es ist eine Illusion anzunehmen, Zehntausende junger Menschen könnten mit dem gleichen wissenschaftlichen Anspruch und noch besserem Ergebnis durch neun Semester getrieben werden wie vorher durch zwölf. Das Gegenteil wird der Fall sein: Die Studentenzahlen mögen weiter steigen, aber die Leistungsqualität wird sinken, selbst wenn die Absolventen bei Berufsbeginn jünger sind. Da die Universitäten nach Struktur, Auftrag, Selbstverständnis und Qualifikation der Lehrenden keineswegs besonders gut dafür geeignet sind, berufspraktisch auszubilden, werden nicht tüchtigere Leute als heute aus ihren Portalen strömen, sondern Barfußakademiker – hoffentlich nicht bald noch mit der Bettelschale in der Hand.

Wenn wir überzeugt sind, daß fast die Hälfte unserer Jugend nach hoffentlich nur noch zwölf Schuljahren eine fachlich spezialisierende Qualifikation im tertiären Bildungsbereich bekommen sollte, dann stehen wir heute vor einer der wichtigsten Weichenstellungen in der Entwicklung unseres Bildungssystems. Was wir gar nicht gebrauchen können, sind Millionen von schlecht aufs Berufsleben vorbereiteten Magerakademikern mit Magerdiplomen. Dagegen benötigen wir für mehr als die Hälfte dieser bald zwei Millionen Studierenden im tertiären Bereich direkt berufsqualifizierende Ausbildungsangebote in Fachhochschulen, Berufsakademien und anderen – hoffentlich auch privaten – Einrichtungen. Daneben sollte es für deutlich weniger Frauen und Männer als bisher Universitätsstudienplätze geben, auf denen wissenschaftlich anspruchsvolle Qualifikationen erworben werden. Die kann allerdings nur erlangen, wer Eignung und Leistungswillen dafür mitbringt.

Die Aufgabe scheint schwierig, aber die Aussicht, sie zu lösen, wäre im nächsten Jahrzehnt so gut wie selten zuvor. In ihm werden nämlich mehr als fünfzig Prozent der Universitätslehrer aus Altersgründen ausscheiden. Sie alle gleichwertig zu ersetzen wird zum Problem. In vielen Fächern gibt es den Nachwuchs gar nicht, der dafür qualifiziert wäre. Ein Teil dieser Stellen könnte gezielt dazu benützt werden, um die Fachhochschulen durch Berufung praxiserfahrener Kräfte umfangreich auszubauen. Warum sollte dabei nicht im einen oder anderen Fall auch eine Universität oder ein Teil davon zur Fachhochschule umgewidmet werden?