Mit einem Blutbad geht es los. Ein Mann erschießt Feind und Freund, lachend, und macht sich danach aus dem Staub. Ein Präludium, das einen schwarzen Grundton vorgibt, der später nicht weitergeführt wird. Wodurch der Akt des Tötens als Irritation nachwirkt, als ästhetisches Signal, das den Bildern danach alles Eindeutige nimmt.

Ständig schlägt der Film narrative Purzelbäume. Er wirbelt gegen die Konvention, um neue Standards zu setzen. Das Kino des John McNaughton ist Ausschließung, Farce, Provokation. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht der Industrie, ohne daß es den Bossen den Respekt verweigerte.

Durch Zufall rettet der Polizist Wayne Dobie (Robert de Niro) dem Gangster Frank Milo (Bill Murray) das Leben. Der bedankt sich dafür, indem er ihm das Mädchen Glory (Uma Thurman) schickt. Wayne und Glory. Für eine Woche soll sie nur für ihn dasein, ihm seine geheimsten Träume wahrmachen. Aber dann entpuppen sich diese Träume als so gewöhnlich, daß sie das ungewöhnliche Arrangement völlig durcheinanderbringen. Das Innerste dieses Mannes ist, als es schließlich nach außen kommt, nur eine Facette seiner braven, drögen Erscheinung. Die allerdings, das ist von Anfang an klar, impliziert auch Klarheit, Strenge, Konsequenz.

McNaughtons erzählerischer Trick: Er konzentriert seinen Blick ganz auf die Macken und Manien des Polizisten. Wayne Dobie, mittelgroß, leicht übergewichtig, ist Spezialist für Spurensicherung; deshalb nennen ihn seine Kollegen gerne „Mad Dog“. Er selbst mag das nicht. Sein Name sei Wayne, antwortet er, wenn er wieder mal mit seinem Spitznamen angesprochen wird. Als er einmal gefragt wird, ob er verheiratet sei, sagt er nur knapp: „Nein, nicht persönlich.“

Es ist dieses Dröge, das ihn so stur, so mad macht. Auf der anderen Seite trotzt er seinem Alltag mit reiner Haltung, was ihn auch keusch macht, atypisch und skurril. Wenn er loszieht, um seinen Job zu tun: Tatorte oder Leichen photographieren, dann geht er nicht, wie sonst Polizisten im Kino, auf einen Kreuzzug, sondern er erledigt einfach seine Arbeit. Er ist der Sisyphus unter den Cops. Er rollt seinen Stein, Tag für Tag, und fühlt sich nicht unwohl dabei.

Wayne ist der Bärbeißer als tragischer Komödiant. Nach dem Nachtdienst bringt er seinen Nachbarn die Morgenzeitungen mit. Seinen Kollegen kauft er Waffeln. Sogar mit Killern redet er ruhig und höflich. Er ist smart, aber nie tough. Er träumt nur davon, gut auszusehen und „Mumm“ zu haben. Als seine Nachbarin in Not ist, reißt er sofort die Fäuste hoch, ohne sich durchsetzen zu können. „Ich tue ja, was ich kann für meine Mitmenschen, aber ich bin nun mal kein Held.“ Sein Panzer, der ihn abschottet gegen Wagnis und Experiment, ist sein Takt, seine freundliche Vornehmheit. Ob er gestern „einen weggesteckt“ habe, wird er einmal gefragt. Seine Antwort: „Ich stecke keinen weg, ich mache Liebe.“

McNaughtons Portrait dieses Wayne Dobie ist eine übersteigerte Phantasie über die Würde des kleinen Mannes, der begreift, daß er sich auch mal größer aufspielen muß, um das Wenige, das ihm gehört, nicht zu verspielen. In dem Sinne steht „Mad Dog and Glory“ (Originaltitel) in einer Linie mit Hollywoods großen Underdog-Filmen, mit Rays „They Live by Night“ (1947), Frankenheimers „Young Savages“ (1960), Scorseses „Mean Streets“ (1972). Auch da blieb den Helden am Ende keine Chance.