Von Holger Radloff

Mit Pickelhaube, Schulterpanzer und Lanze steht der Krieger oben auf dem Stadttor. Der feste Blick seiner Pappmachéaugen ruht auf einem Dutzend chinesischer Ausflügler, die im Gänsemarsch dem scharfen Wind aus Nordwest trotzen und sich auf dem staubigen Feldweg langsam nähern. Obwohl der feine Sand zwischen den Zähnen knirscht, sucht niemand Schutz hinter den paar klapprigen Ständen, in denen Landfrauen rotkandierte Äpfel und süßes Bohnenmus anbieten. Die Zeit ist knapp, schließlich sind sie an diesem Sonntagnachmittag fünfzig Kilometer von Pekings Innenstadt hinaus aufs Land gekommen, um ganz China auf einmal zu sehen.

Zehn Yuan Eintritt hat jeder von ihnen bezahlt, rund drei Mark fünfzig, und dafür gibt es auf dem 120 Hektar großen Gelände so ziemlich alles, was Chinas Baumeister in den vergangenen zweitausend Jahren zustande brachten. Zum Beispiel anderthalb Kilometer Stadtmauer aus der Han-Zeit im Originalformat, respektable acht Meter hoch und fünf Meter dick, massive Steinarbeit für die Ewigkeit.

Etwas hilflos staksen ein paar Besucher durch den trutzigen Bauernhof aus der Tan-Zeit, von den Dachgiebeln des historischen Orchesterhauses nebenan plärren poppige Evergreens aus der Pekingoper. Rundherum turnen mehr als dreihundert Maurer auf wirren Bambusgerüsten, pfeifen Kreissägen, rasseln die Betonmischer.

„Wir bauen hier das Hollywood des Ostens“, erklärt Herr Zhang, Leiter der neuen Kulissenstadt, deren Bau das chinesische Nationalfernsehen an der nordwestlichen Stadtgrenze Pekings seit Beginn des vergangenen Jahres eilig vorantreibt. Mit dem Mobiltelephon im Schulterhalfter steht er im Spalier seiner Plaste-Krieger und verweist stolz auf das weite Labyrinth der mehr als fünfzig Bauwerke. Dreimal so groß wie die Verbotene Stadt ist Pekings Hollywood schon jetzt, wo gerade einmal die Hälfte des Geplanten fertiggestellt ist.

Auf der riesigen Baustelle drehen bereits die staatlichen Filmteams aus Peking historische Fernsehspiele wie am Fließband. Doch schon bald soll das Gelände vor allem Chinas Reiselustigen als Sightseeing-Park dienen. Denn anders als in Europa sind in China historische Bauwerke Mangelware. „Vieles wurde während der Kulturrevolution zerstört“, klagt Herr Zhang. Überall im Reich der Mitte stößt man auf verfallene Überbleibsel einstiger Tempel, die dem Säuberungswahn der Rotarmisten zum Opfer gefallen sind und seitdem vielerorts als Düngerlager herhalten müssen.

„Wer in unsere Kulissenstadt kommt, spart Tausende von Kilometern mit der Bahn quer durch China und sieht dazu noch Bauwerke, deren historische Vorbilder längst dem Erdboden gleichgemacht wurden“, wirbt Zhang für seine Arbeitsstätte. Er gehört damit zu den Vordenkern eines futuristischen Tourismuskonzepts, das auch in Europa erste Anhänger findet. Die Vision fürs kommende Jahrtausend könnte lauten: Die Monumente zu den Menschen bringen, anstatt Umwelt und Kulturstätten durch den Massentourismus zu zerstören.