Wende in Ostdeutschland: ZEIT-Gespräch mit Birgit Breuel über die Folgen von Bischofferode

ZEIT: Frau Breuel, der Hungerstreik der Kali-Kumpel in Bischofferode markiert eine Wende in Ostdeutschland: Die Menschen beginnen sich zu wehren. Hat die Treuhandanstalt den Ostdeutschen zu viel zugemutet? Ist auch in Ihrem Kurs eine Wende nötig?

Breuel: Die Privatisierungsentscheidungen sind immer eine Gratwanderung gewesen. Natürlich können Sie die Frage stellen: Hätte man das alles langsamer machen müssen? Aus meiner Sicht ist diese Frage letztendlich mit Nein zu beantworten. Untersuchungen belegen, daß die Privatunternehmen im Endeffekt besser dastehen als die Treuhandunternehmen und auch zielgerichteter investieren. Daß das für die Menschen alles schwer zu verkraften ist, wissen wir vermutlich besser als jeder andere. Nur: Ohne Strukturwandel hilft alles nichts.

ZEIT: Viele halten den Ostdeutschen vor, sie ließen sich zu leicht unterbuttern. Jetzt begehren sie auf – und nun ist es auch wieder nicht richtig.

Breuel: Daß die Ostdeutschen ihren Protest anmelden, ist völlig legitim. Ob sie die in Bischofferode eingesetzten Instrumente verantworten können – auch den Familien gegenüber – ist eine Frage, die jeder einzelne beantworten muß.

ZEIT: Sie halten die Angebote der thüringischen Landesregierung und der Bundesregierung, in Bischofferode Ersatzarbeitsplätze zu garantieren, aber nicht für richtig?

Breuel: Das Angebot der Bundesregierung haben wir einzulösen und werden dies auch können. Wir wollten sehr früh auch mit der Landesregierung über Alternativen sprechen. Allerdings: Menschen, die arbeitslos werden, eine lebenslange Arbeit zuzusichern, ist ein so weitgehender Vorschlag, wie es ihn bisher noch nie gegeben hat. Dies wird natürlich auch im Westen Fragen auslösen. Denken Sie nur an die Unruhe bei Thyssen. Man kann nicht Arbeitsplätze überall garantieren. Das wäre der Stillstand, das wäre der Tod, und das wäre letztendlich wieder Planwirtschaft.