Von Frank Nordhausen und Liane v. Billerbeck

Der Schreiber gibt sich huldvoll. „Sehr geehrte Lehrerschaft, liebe Mitschülerinnen und Mitschüler, zuerst einmal möchte ich mich für die vielen Grüße bedanken, die des öfteren bei mir eintreffen, und meine Anerkennung und aufrichtige Bewunderung gebühren all denen, die tatsächlich hinter mir stehen.“

Der hier brieflich hofhält, ist Sebastian S., siebzehn Jahre alt, Gymnasiast, und sitzt in Untersuchungshaft. Ein Mord hat ihn ins Gefängnis gebracht. Zusammen mit zwei anderen Oberschülern wird Sebastian S. beschuldigt, den fünfzehnjährigen Sandro Beyer erdrosselt zu haben. Tatort ist die Kleinstadt Sondershausen in Thüringen.

Am 1. Juli, zwei Monate nach der Tat, fliegen in einer Diskussion unter Eltern und Lehrern in der ehrwürdigen Aula des Sondershäuser Geschwister-Scholl-Gymnasiums die Fetzen. Es gibt Vorwürfe und Beschuldigungen. Ein Pädagoge klagt über falsche Werte, fehlende Orientierung. Vom Herbst 1989 ist die Rede, von den Idealen, die gar zu schnell zerstoben seien. Noch sitzt allen der Schreck über den Mord in den Knochen.

Dabei drücken die thüringische Kreisstadt mit ihren 23 000 Einwohnern genügend andere Sorgen. Das VE-Kombinat Kali ist mehr oder weniger abgewickelt. „Ich bin Bergmann, wer ist mehr“ – das stolze Motto von Generationen ist nur noch Makulatur. Mindestens zwanzig Prozent der Leute hier haben keine Arbeit mehr, die Jungen wandern ab. Die Kleinstadt ist verwundet. „Wir wollten doch den Tourismus entwickeln“, sagt eine Frau, „und nun das.“

Sandro Beyer starb am Abend des 29. April. Sechs Tage später wurden die mutmaßlichen Täter gefaßt – Sebastian S., Hendrik M. und Andreas K. Aufgrund ihrer detaillierten Geständnisse konnte der Leichnam in einer Baugrube geborgen werden. Die Mörder hatten ihr Opfer mit einem Brief in den Wald gelockt, in die Datsche der Familie M. gebracht, dort gefesselt und zu dritt mit einem Kabel erdrosselt. Als der Junge tot war, lagerten sie seinen Körper zunächst in einem Schuppen; am nächsten Abend feierten sie auf demselben Grundstück noch eine Grillparty. Erst in den frühen Morgenstunden des 1. Mai verscharrten sie die Leiche. In den Tagen danach verhielten sich die drei scheinbar völlig normal. Unverblümt plauderten sie gegenüber Schulfreunden über die Tat, und nichts geschah, bis sie eine Woche darauf verhaftet wurden.

Wenig später drang aus Sondershausen nach draußen, daß die drei seit längerer Zeit einem merkwürdigen „Glauben“ anhingen, daß sie „den Teufel priesen“ und daß die halbe Stadt davon wußte. In einem Gespräch mit dem CVJM, dem Christlichen Verein Junger Männer, hat Sebastian S. angeblich schon im Januar 1992 auf die Frage, wie seine Gruppe zu den Zehn Geboten stehe, gesagt, für sie heiße es nicht „Du sollst nicht töten“, sondern „Töte!“ Im November schwadronierte Hendrik M. in der Schülerzeitung Kurz und Gut davon, daß ihre „Gemeinschaft“ den „Tod aller Lebewesen“ wünsche. Dabei fiel auch der Name des später ermordeten Sandro Beyer: „Sandro B. gehört definitiv nicht zu uns, auch wenn er so etwas in der Art behaupten mag.“ Hendrik M. drohte: „Im tiefen Wald hört dich niemand schreien...“