Drei Jahre nach ihrer Gründung und anderthalb Jahre vor ihrer voraussichtlichen Auflösung ist die Treuhandanstalt laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) an einem „kritischen Punkt“ angelangt. Noch immer schleppt die Behörde rund 650 Unternehmen durch, für die sich bislang kein Investor erwärmen konnte. Zudem geraten immer mehr bereits privatisierte Firmen in Schwierigkeiten. Mit rund 3000 Unternehmen führt die Anstalt Nachverhandlungen. Etwa 400 dieser Fälle werden als „schwierig“ eingestuft, was wohl bedeutet, daß die Betriebe auf der Kippe stehen. Ernüchternd ist aber auch die Kostenrechnung der Anstalt: Bis Ende 1994 wird die Treuhand ein Defizit von mindestens 270 Milliarden Mark aufgetürmt haben.

Andererseits kann Treuhand-Chefin Birgit Breuel auf eine imposante Privatisierungsbilanz verweisen. Bis Ende Juni wurden knapp 12 600 Firmen und Unternehmensteile verkauft und dafür 43,5 Milliarden Mark erlöst. Die Käufer haben Investitionen in Höhe von 180 Milliarden Mark und anderthalb Millionen Arbeitsplätze zugesagt.

Die bislang unverkäuflichen Betriebe bereiten der Anstalt allerdings erhebliche Sorgen. Wie eine interne Statistik des Treuhand-Controlling zeigt, machen die Ladenhüter durchweg hohe Verluste. Im vierten Quartal 1992 summierten sich die Fehlbeträge auf durchschnittlich 28,8 Prozent vom Umsatz. In einzelnen Branchen stellt sich die Situation noch viel dramatischer dar. So waren die Verluste in den Treuhand-Betrieben der Kunststoff-, Gummi- und Asbestverarbeitung sogar höher als die Umsätze.

Klar sind die Ursachen für die desolate Verfassung der Unternehmen. Sie investieren nicht einmal in Höhe der Abschreibungen und zehren damit – ganz wie zu Zeiten der Planwirtschaft in der ehemaligen DDR – fortgesetzt von der Substanz.

Bisher hat die Treuhandanstalt 2800 Firmen liquidiert. Da bereits etwa zwei Drittel aller ostdeutschen Industriearbeitsplätze verlorengegangen sind, wächst aber mit jeder Betriebsschließung der Widerstand bei Belegschaften und Politikern. Die Treuhandanstalt wird damit im Kreuzfeuer der Kritik bleiben. neu