Im Leben des Buchhalters Sondermann gibt es keine rechte Ecke. Da stürzen alle Linien, da wellt sich ein Wellblechdach vom einen Bild zum anderen genau verkehrt herum, und eine Tür, die eben zu klein war, ist auf einmal zu groß. Was in dieser schwarzweiß getuschten Welt vonstatten geht, ist von einer perfekten Sinnlosigkeit oder Unsinnigkeit. Sondermann leidet darunter manchmal und manchmal nicht, und das macht erst recht keinen Sinn.

Der Zeichner Bernd Pfarr, geboren 1958 in Frankfurt und weiter dort zu Hause, hat Sondermann geschaffen, einen liebenswerten, unauffälligen Menschen mit einer Buchhaltertasche und einem kleinen Hut. Unlängst ist – o Jubeljahr! – der zweite Sammelband mit Sondermanns Abenteuern erschienen.

Zu ihrem Verständnis hilft es zu wissen, daß der Zeichner Pfarr viel liest, und das gern nachts. Er bewundert, so sagt er, Robert Walser, Kafka und Canetti. Wie Kafka seinen Samsa und seinen Blumfeld hat, so hat Bernd Pfarr den Sondermann. Wie Canetti auch, der in der „Blendung“ mit einer kaum wahrnehmbaren, submolekularen Wirklichkeitsverschiebung ein Setting generiert, in dem jede Konvention zerstäubt, so montiert Pfarr eine Handvoll faßbarer Elemente – Buchhalter, Chef und ein paar Nebenrollen – zu unfaßbarem Schwachsinn. („Sondermann! He! Malen Sie wieder eins von Ihren Stilleben? Drecksstilleben! Scheißstilleben! Sondermann ist ein Scheißstillebenmaler! Sondermann ist ein Wichser! Ein Superarschloch! Schweinepriester! Flaschenkicker! Handfeger! Benutzen Sie eigentlich Firnis?“ – „Selten. Wissen Sie, mit Firnis habe ich keine guten Erfahrungen gemacht.“)

Die Ungerührtheit ist es, die den Sondermann-Witz so wertvoll macht. Aber er gerät folgerichtig überall dort in Gefahr, wo sich das Vorstellbare einschleicht: wo nicht zwei Elefanten in der Buchhaltung mit dem Kohleofen Fußball spielen („Sondermann friert“), wo nicht ein Neger in der Firmenbadewanne geschrubbt werden will und wo kein Ameisenbär in der Werkstatt Öl verliert.

Pfarr muß seiner Aussage zufolge sehr schuften, um dieses Universum der Idiotie zu erschaffen. Daran ist nicht, zu. zweifeln. Pfarr beschreibt sich als „ernsthaft und fleißig“. In der Tat wirkt er ganz und gar ordentlich; die Straßenbahn, in der er auffiele, müßte noch erfunden werden.

Der Buchhalter Sondermann entstand 1987. Die Nonsens-Extraseiten des Satiremagazins Titanic sollten neu gestaltet werden; die Redaktion taufte sie bierselig auf den Namen ihres damaligen Verlegers, den sie recht mäßig liebte: „Sondermann“. Pfarr fiel die Figur dazu ein.

Vor zwei Jahren legte er einen Sammelband vor, eine Greatest-Hits-Ausgabe („Sondermann schlägt zu!“, Eichborn Verlag, Frankfurt 1991, 19,80 Mark). Dieses erste Buch wird das Standardwerk für alle Anfänger und Leichtfortgeschrittenen bleiben. Denn was jetzt als zweiter Band erschien, ist ein hartes und ehrliches Konvolut aus den vergangenen Sondermann-Monaten („Alle lieben Sondermann!“, Eichborn Verlag, Frankfurt 1993,19,80 Mark). Bernd Pfarr, korrekt wie stets, rügt an der Zusammenschau, daß TNT-Schulze eine zu prominente Rolle spielt. (Das ist Sondermanns sprengfreudiger Untermieter.) Nun ist das Ansichtssache; insofern ist auch diese Selbstkritik sinnlos.