Der Bundeskanzler war erbittert darüber, daß der Mord am Grenzschutzbeamten Michael Newrzella von dem öffentlichen Verdacht überlagert wurde, ein anderer Polizist habe den RAF-Terroristen Wolfgang Grams mit aufgesetzter Waffe „regelrecht hingerichtet“. Da sei, meinte Helmut Kohl, ein Mörder zum Märtyrer gemacht, die GSG-9-Truppe hingegen wehrlos „solchen Anwürfen“ ausgesetzt worden.

Der Kanzler wußte, als er mit seiner Schnelldiagnose in Bonn vor die GSG 9 trat, nicht, daß der Terrorist den Beamten erschossen hatte. Noch weiß er bis heute, daß der Verdacht haltlos ist, ein Beamter habe den wehrlosen Grams getötet. Statt dessen stellte er seine eigenen Mutmaßungen darüber an, die sich zur Schuldgewißheit beim Bösewicht („Mörder“) und zum Vorab-Freispruch zugunsten der Guten („Anwürfe“) verdichteten. Vielleicht behält er damit ja sogar recht.

Nur stünde eine solche Wertung allein dem Privatmann Helmut Kohl zu, nicht aber dem obersten Repräsentanten der Exekutive in einem Rechtsstaat. Schuld und Strafe sind von Verfassung wegen der rechtsprechenden Gewalt überantwortet. Da sollte keiner versuchen, über den Zaun zu fressen. H. Sch.